taz.de -- IFFF Dortmund+ Köln goes Berlinale: Solidarität statt Mitleid
Neben Filmvorführungen bietet die Berlinale auch dieses Jahr Veranstaltungen. So auch die des Women’s Film Festivals mit einem Schwerpunkt auf Afghanistan.
Bild: Saß am Dienstag wieder auf dem Podium: Nelofer Pazira, die in Makhmalbafs „Reise nach Kandahar“ die Hauptrolle gespielt hatte
Nach dem Sturz des ersten Taliban-Regimes hatte das Frauenfilmfestival „femme totale“ 2003 mit „Afghanistan Unweiled“ dem „Land ohne Bilder“ (so Mohsen Makhmalbaf 2001) ein starkes Special gewidmet. Mit einem Workshop dabei war damals auch die Exil-Afghanin Nelofer Pazira, die in Makhmalbafs „Reise nach Kandahar“ die Hauptrolle gespielt hatte und in Kanada als Journalistin und Regisseurin arbeitet.
Am Dienstag saß Pazira wieder auf dem Podium neben Kuratorin Betty Schiel, die damals das Programm mit organisierte. Der Anlass war diesmal weniger erfreulich. Denn in der vom IFFF Dortmund+Köln angestoßenen Veranstaltung in der Boris-Vian-Bar des Französischen Kulturinstituts ging es um das Afghanistan International Women’s Film Festival, das 2020 zum letzten Mal stattfand.
Neben Schiel und Pazira auf dem Panel waren IFFF-Leiterin Maxa Zoller und mit Roya Sadat die Gründerin des afghanischen Festivals, die mittlerweile als Filmemacherin in den USA lebt. Sie betonte die Bedeutung tatkräftiger Solidarität – statt Mitleid – mit den afghanischen Frauen.
Pazira, die mit 16 Jahren nach Kanada fliehen musste, berichtete, wie sie 2005 zur afghanischen Premiere von Christian Freis Dokumentarfilm über die zerstörten Buddhas von Bamyan an den Drehort in Zentralafghanistan zurückkehrte. Bei der Vorführung mit einem aus der Schweiz importierten Projektor habe sie den existenziellen Hunger vieler Menschen dort nach einer Kultur der Bilder begriffen.
Sichtbarkeit, Solidarität und Networking
In diesem Sinn war das 2013 in Herat gegründete und später nach Kabul gezogene Afghanistan Women's Film Festival in seinen wenigen Lebensjahren ein Leuchtturm nationaler und internationaler Kunst in einem seiner Kulturgeschichte beraubten Land, dessen Kinos schon unter der ersten Taliban-Herrschaft zerstört worden waren.
Jetzt, darin war frau sich einig, bestehe die Herausforderung darin, angesichts der krisengeschüttelten Welt die Kämpfe der afghanischen Frauen auf der Agenda zu halten. Während Schiel deren brennende Energie und die gemeinsame Verantwortung betonte („It’s our problem“), lieferte Pazira zentrale Stichworte für die Umsetzung: „Sichtbarkeit, Solidarität und Networking“.
Grundidee dabei ist ein niedrigschwelliger Ansatz für ein „Filmfestival im Exile“, das sich ohne allzu große Umstände im laufenden Betrieb realisieren lässt. Wenn nämlich viele existierende Festivals oder Programm-Veranstaltungen bei ihren nächsten Editionen nur einen Slot als Carte Blanche für „Herat in Exile“ freiräumen würden, könnte das mit machbarem Aufwand großen Effekt erzeugen.
In einem zweiten Schritt könnten dann etwa Institutionen oder Ausbildungsstätten mit kleinen Stipendien für geflüchtete Filmschaffende deren künstlerische Praxis aus dem Durchwursteln zwischen Broterwerb und Unterkunftssuche retten: „Start with simple steps“ ist das einleuchtende Motto. Aus dem prall gefüllten Saal des Institut Français, dessen geballte Frauenpower auch den neuen Leiter Luc Paquier zu einem enthusiasmierten Grußwort anregte, könnte es aufgehen.
19 Feb 2026
AUTOREN
Silvia Hallensleben
Schwerpunkt Berlinale
Internationales Frauenfilmfestival
Afghanistankrieg
Taliban
Solidarität
Schwerpunkt Afghanistan
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