taz.de -- Gewalttat in Stade: Auf Mitarbeiter*innen des Jugendamts gezielt
Sechs Tote und zahlreiche Traumatisierte – nach den Schüssen in einem Mutter-Kind-Heim in Stade ist der Schock groß. Viele Fragen sind noch offen.
Bild: Im Gedenken an die Opfer: In der Nähe der Jugendeinrichtung wurden Blumen abgelegt
Am Tag nach der Schießerei in einem Mutter-Kind-Heim in Stade zeichnet sich immer deutlicher ab: Der Täter hatte es wohl vor allem auf die Sozialarbeiter*innen abgesehen. Von den sechs Menschen, die dort starben, arbeiteten drei für die Einrichtung, die anderen drei waren vom Jugendamt der Region Hannover und extra für das Hilfeplangespräch angereist.
Schon die ungewöhnlich hohe Anzahl macht deutlich: Ein einfacher Fall war das sicher nicht. Auch wenn sich die Behörden mit Details zu den familiären Hintergründen zurückhalten, sickerte durch: Das Kind des Täters, ein drei Monate altes Mädchen, sollte wohl aus der Familie genommen werden.
Eine Zusammenführung mit der Mutter sollte nur unter kontrollierten Bedingungen, eben in dieser Einrichtung, die auf die Arbeit mit Müttern und Kinder spezialisiert ist, erfolgen. Bei dem Hilfeplangespräch sollte es wohl auch um den künftigen Umgang des Vaters mit seinem Kind gehen.
Doch der schoss mit einer Waffe um sich und flüchtete anschließend in einem silbergrauen Mercedes-AMG. Am Steuer saß dabei eine 65-jährige Frau, deren Verhältnis zur Familie Polizei und Staatsanwaltschaft lediglich als „eng“ beschreiben. Es soll sich aber nicht um die Großmutter des Babys handeln.
Kein Waffenschein
Die eintreffenden Polizisten zerschossen den rechten Hinterreifen des Fahrzeuges. Trotzdem fuhr es noch weiter, bis es auf einer nahegelegenen Bundesstraße gestoppt werden konnte. Von diesen Momenten kursieren teilweise Videos im Netz. Die Polizei hat ein Hinweisportal freigeschaltet, über das weitere Fotos und Videos von Augenzeugen eingesammelt werden sollen.
Am Tatort arbeiteten am Dienstag die Spurensicherer weiter, um den genauen Ablauf der Tat zu rekonstruieren. Staatsanwaltschaft und Polizei hielten sich mit Angaben dazu vorerst zurück. Im Fokus stehe im Moment die Vorbereitung des Haftbefehls und der Aufbau einer Mordkommission.
Das Hamburger Abendblatt verbreitete, zumindest einige der Opfer – es handelt sich um vier Frauen und zwei Männer – seien auf der Flucht von hinten erschossen worden. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft wollte das auf taz-Anfrage weder dementieren noch bestätigen.
Viele Fragen bleiben deshalb auch am Tag nach der Tat noch ungeklärt. Dazu gehört die Vorgeschichte des mutmaßlichen Täters, der aus Garbsen in der Region Hannover stammen soll. In der Pressekonferenz am Abend der Tat hatte es geheißen, der 45-Jährige sei polizeibekannt und schon mit Bedrohungen aufgefallen, aber nicht als „absolut gewalttätig“ eingestuft worden.
Auch die junge Mutter musste sich intensiven Befragungen stellen und verblieb mindestens bis Dienstagmorgen in Polizeigewahrsam. Nicht einmal zur Art der Waffe, für die der Mann in jedem Fall keinen Waffenschein besaß, wollte die Polizei Angaben machen.
Die Bewohnerinnen und ihre Kinder, die die Tat möglicherweise mitbekamen und vielleicht auch Augenzeug*innen der Tat wurden, wurden verlegt. Sie erhielten – genauso wie die Angehörigen der Opfer und die eingesetzten Einsatzkräfte – psychosoziale Unterstützungsangebote, wie der Landesopferschutzbeauftragte Thomas Pfleiderer betonte. Der Landkreis Stade und die evangelische Kirche luden außerdem zu einer Andacht am Dienstagabend um 18 Uhr in der St. Wilhadi-Kirche in Stade ein.
In der Verwaltung der Region Hannover ist die Betroffenheit so groß, dass mehrere Veranstaltungen abgesagt wurden. Zahlreiche Politiker*innen äußerten ihr Entsetzen und sprachen ihr Mitgefühl angesichts der brutalen Tat aus. Viele verwiesen aber auch auf die noch laufenden Ermittlungen und warnten vor voreiligen Schlussfolgerungen.
Besserer Schutz von Beschäftigten im öffentlichen Dienst gefordert
Sofort nach der Tat waren Spekulationen aufgetaucht, es könnte einen Bezug zur sogenannten Clankriminalität geben. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens wies das aber bei der Pressekonferenz am Abend der Tat zurück, es handle sich hier um eine singuläre Tat, die nichts mit vorangegangenen Ereignissen im Raum Stade zu tun habe.
Der deutsche Beamtenbund (dbb) Niedersachsen und die Gewerkschaft Verdi mahnten, man müsse vor allem über einen besseren Schutz von Beschäftigten im öffentlichen Dienst, speziell im Bereich der sozialen Arbeit und der Jugendhilfe reden.
Dieses Thema müsse endlich mit Nachdruck und systematisch angegangen werden, erklärte Verdi-Landesbezirksleiterin Andrea Wemheuer in einer Pressemitteilung. Dem häufigen Kontakt mit Tätern stünden allzu oft „mangelhafte Schutzkonzepte und fehlende Ressourcen gegenüber, um die Beschäftigten bestmöglich abzusichern“.
30 Jun 2026
AUTOREN
Nadine Conti
Attentat
Stade
Innere Sicherheit
Niedersachsen
Familienrecht
Partnerschaftsgewalt
Social-Auswahl
Reden wir darüber
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