taz.de -- „Für Kinder“ im Münchener Haus der Kunst: Wenn sie die Menschensilhouette selbst in Bewegung versetzen

Werden komplexe Gefühle vermittelt, sind die Kinder gebannt: Wie holt die Ausstellung „Für Kinder“ das jüngste aller Publika ins Münchener Haus der Kunst?

Bild: Die Nazihalle überkritzeln: Ei Arakawa-Nash „Mega Please Draw Freely“, 2025 im Haus der Kunst München

Kunstausstellungen sind Orte, die Kinder in den meisten Fällen nur unter der Bestechung eines anschließenden Eises betreten. Man darf dort nichts anfassen, weder rennen noch essen und muss auch noch still sein. Obwohl sich viele Museen inzwischen sehr bemühen, ihre Ausstellungen für ein vielfältiges Publikum zugänglicher zu gestalten, stehen die Bedürfnisse spezifischer Gruppen wie Kinder dennoch selten im Mittelpunkt. Viel öfter wird es zur Aufgabe von Kunstvermittler*innen, die Ausstellungen auch für Kinder erfahrbar zu machen.

Als das Haus der Kunst in München im letzten Sommer die große Gruppenschau „Für Kinder. Kunstgeschichten seit 1968“ eröffnete, war unsicher, ob die gezeigte Kunst, die seit den 1960er Jahren explizit für Kinder entstanden ist, letztere auch erreichen werden. Inzwischen zeigt sich ihr großer Erfolg: So viele Familien kamen zur Ausstellung, dass sie bis Ende Mai verlängert wurde und man für ihren Besuch im Voraus ein Zeitfensterticket buchen muss. Wie also werden hier Kinder von so unterschiedlichen Künstler*innen wie dem 2014 verstorbenen Filmkünstler Harun Farocki, der heute 83-jährigen New Yorker [1][Vokalkünstlerin Meredith Monk] oder der 1982 in Tschechien geborenen Installationskünstlerin Eva Koťátková angesprochen? Und lässt sich daraus etwas für die Zukunft von Kunstinstitutionen lernen?

Beim Betreten der riesigen Mittelhalle des Hauses der Kunst, die Architekt Paul Ludwig Troost für die Nazis in einem monumentalen Neoklassizismus plante, liegen und sitzen mindestens ein Dutzend Kinder zeichnend auf dem denkmalgeschützten Marmorboden. Seit Monaten haben sie mit dicken Wachsstiften auf der dünnen, kaum sichtbaren Lackschicht auf dem Hallenboden bunte Linien hinterlassen.

Das dazugehörige Werk „Mega Please Draw Freely“ (2025) des japanisch-US-amerikanischen Performancekünstlers Ei Arakawa-Nash lädt sie zu einer Aktivität ein, die sie kennen: das Zeichnen. Arakawa-Nash gibt die Mittel vor, die Ästhetik aber verselbstständigt sich. Und die Bildsprache, die mal gekritzelten Figuren, die mal großflächigen bunten Formen, die etwas gekrakelten Signaturen, ist eine von Kindern für Kinder. Die Zeichnungen vermitteln sofort jenen, die den Raum betreten, was zu tun ist.

Eine rennende Menschensilhouette

Die nächsten Räume der Ausstellung sind voller Objekte, Farben und Materialien. In der raumgreifenden Installation des indonesischen Künstlers Agus Nur Amal PMTOH „Goodness and Disaster“ (2025) ist eine riesige Welle mit aufgeklebten Spielzeugen kurz davor, sich zu überschlagen. Daneben flattern aus dem Schlund eines Vulkans bunte Plastiktüten. Man kann mit Tretpedalen ein Fahrgestell in der Mitte des Raums bedienen und so eine rennende Menschensilhouette in einer Art Karussell in Bewegung versetzen.

Hinter der farbenfrohen Ästhetik gibt Agus Nur Amal PMTOH subtile Hinweise darauf, dass sein Werk von einer Erschütterung der Welt der Kinder erzählt. Es entstand als Reaktion auf den Tsunami in Indonesien von 2004. Direkt nach der Naturkatastrophe fuhr Agus Nur Amal PMTOH in die Dörfer seiner indonesischen Heimatprovinz Aceh. Er wollte herausfinden, wie es den Kindern erging, während die Erwachsenen die Grundbedürfnisse sicherten.

In München sind die Kinder begeistert von der intensiven Materialität PMTOHs und seinen interaktiven Elementen. Doch auch die Geschichten, die der Künstler in acehnesischer Sprache mit englischen Untertiteln in mehreren zu Kasperletheater verkleideten Fernsehern erzählt – ähnlich konnte man ihn auch 2022 während [2][der documenta fifteen in Kassel] sehen – bannen ihre Aufmerksamkeit. Zwischen aufgeklebten Spielzeugbananen, Plastiktellern, aber auch einem Gummischuh erinnern sie an Kaufmannsläden, in denen der Künstler irritierenderweise mit einem knallblauen Besen hantiert.

Vermittlung komplexer Gefühle

Agus Nur Amal PMTOH zeigt, dass man Kindern mehr zutrauen kann als nur einen von Künstler*innen gestalteten Spielplatz, dessen Werke man berühren, beklettern und benutzen kann. In seiner Bildsprache rücken Freud und Leid nah aneinander. Das fällt in dieser Ausstellung auf: Gerade bei den Kunstwerken, die in zugänglicher Form komplexe Gefühle vermitteln können, halten einige Kinder andächtig inne.

Eine Kunst wiederum, die Kinder als Betrachter*innen nicht ernst nimmt, wird von diesen eiskalt ignoriert: zum Beispiel „Parachute“ (1973) der [3][1985 verstorbenen Konzept- und Land-Art-Künstlerin Ana Mendieta]. Der etwas wacklige Schwarzweiß-Film zeigt eine Gruppe von Schüler*innen in Iowa City, die einen Fallschirm im Kreis halten und hochwerfen. Aus dem Off antworten die Kinder auf Mendietas Frage, was eigentlich die Seele sei? Der Film ist eher die Dokumentation einer Performancearbeit mit Kindern, statt Kunst für Kinder zu sein. Auch dieses hat in der Ausstellung seinen Platz.

Dennoch stehen im Vordergrund die Kinder als Besucher*innen. So orientiert sich auch die Ausstellungsgestaltung an kindlichen Aufmerksamkeitsspannen. Wege können abgekürzt werden, am Ausgang des Hauses der Kunst wartet dann tatsächlich ein Eisstand. Das neunköpfige Kurator*innenteam hat die vermittlerische Verantwortung offenbar stärker in den Vordergrund gestellt als die oft behauptete Erhabenheit des Kunstwerks. Statt nur einer leeren Diversitätsrhetorik zu folgen, eine Kunstinstitution „für alle“ zu sein, scheint man in München tiefer gebohrt und gefragt zu haben: Wer bestimmt eigentlich, was eine Ausstellung ist – die Kunst oder das Publikum?

16 Apr 2026

[1] /Meredith-Monk-in-Muenchen/!5984372

[2] /Eroeffnung-der-documenta15-in-Kassel/!5859290

[3] /Nachruf-auf-Bildhauer-Carl-Andre/!5985458

AUTOREN

Louisa Engel

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