taz.de -- Frankreich im WM-Rausch: Egos im Koma
In einem Achtelfinale gegen Frankreich wäre die DFB-Elf wohl Opfer einer Machtdemonstration geworden. Wenigstens das bleibt Julian Nagelsmann erspart.
Bild: Eine Einheit: die Équipe Tricolore und Trainer Didier Dechamps
Das Ausscheiden der DFB-Elf ließe sich auch als genialer Schachzug deuten. Nach dem Motto: Lieber jetzt blamieren, als im Achtelfinale die nächste Klatsche kassieren. Denn das Team, gegen das die Deutschen dann hätten antreten müssen, wirkt unaufhaltsam. Was Frankreich nicht nur im Sechzehntelfinale gegen Schweden (3:0), sondern während des gesamten Turniers zeigt, ist eine Machtdemonstration par excellence.
In diesem Kader steht ein Weltklassespieler neben dem nächsten. Vor dem Turnier stand deshalb die Frage im Raum, ob dieses Starensemble erst noch zu einer echten Mannschaft reifen müsse. Ganz abwegig war dieser Gedanke nicht. Ein Blick in die Vergangenheit genügt: Das letzte Team mit einer ähnlich geballten Ansammlung an Superstars scheiterte 2006 bei einer Weltmeisterschaft früh. Brasiliens legendäres Ensemble um Ronaldo, Adriano, Robinho, Ronaldinho, Kaká und Roberto Carlos wurde im Viertelfinale eliminiert – von Frankreich. Diesmal aber spricht wenig dafür, dass den Superfranzosen ein ähnliches Schicksal droht. Der Grund dafür ist ein Spanier namens Luis Enrique.
Der Trainer von Paris Saint-Germain hat aus einer Ansammlung von Egos eine Mannschaft geformt, [1][die zweimal in Folge die Champions League gewann]. Genau diese Spieler bilden das Gerüst der französischen Nationalmannschaft, vor allem in der Offensive. Ob Bradley Barcola oder Désiré Doué auf dem Flügel beginnt oder Weltfußballer Ousmane Dembélé die vollen 90 Minuten spielt, macht kaum einen Unterschied.
Wie bei PSG steht auch bei der Nationalmannschaft das Kollektiv über allem – und genau das macht diese französische Mannschaft so gefährlich. [2][Im Hintergrund lenkt Michael Olise] als kreativer Strippenzieher das Spiel, ganz ohne Starallüren. Vorne zeigt [3][Kapitän Kylian Mbappé] absolute Topform, will die enttäuschende Saison bei Real Madrid vergessen machen und steht schon bei sechs Toren und zwei Vorlagen in vier Spielen.
Trainer Didier Deschamps, der sein letztes Turnier bestreitet, profitiert von Enriques Vorarbeit und hat den PSG-Block mit dem Rest des Teams verbunden. „Er weiß, dass er die ganze Mannschaft hinter sich hat“, sagte Mbappé nach dem Spiel gegen Schweden. Die französische Nationalmannschaft bringt alles mit, was es für den großen Wurf braucht. Der wohl einzige Gegner, der sie noch stoppen könnte, der sind sie selbst – falls das schlafende Ego ihrer Superstars doch noch aus dem Koma erwacht.
1 Jul 2026
LINKS
[1] /PSG-gewinnt-die-Champions-League/!6182953
[2] /Michael-Olise-Ist-Mister-Nonchalant-ein-sympathischer-Weltstar/!6191814
[3] /Superstars-bei-der-Fussball-WM/!6188298
AUTOREN
Rico Setz
Fußball-WM
Kylian Mbappé
Paris St. Germain
Reden wir darüber
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