taz.de -- Finnischer SS-Fan bei der Grünen Woche: Abgestandenes Geschichtsbild

Der Chef einer finnischen Brauerei auf der Grünen Woche ist Vorstand eines SS-Veteranenvereins. Für die Messe kein Problem

Bild: Steht hier wohl schon seit den Vierzigern herum: abgestandenes Craft-Beer

Berlintaz | Finnland ist in diesem Jahr das Partnerland der internationalen Fressmesse Grüne Woche. Ausgestellt werden dort allerdings nicht nur landestypische Nahrungsmittel, sondern zumindest im Fall einer finnischen Brauereikette auch ein eher fragwürdiges Geschichtsverständnis.

Pekka Kääriäinen, Geschäftsführer der Bryggeri Helsinki, die beim Empfang der am Freitag beginnenden Grünen Woche Craft-Bier ausschenkt und auch selbst ausstellt, steht nämlich gleichzeitig einem SS-Veteranenverein namens „Veljesapu-Perinneyhdistys ry“ (Brüder Hilfe e. V.) vor. Die Bryggeri Helsinki betreibt mittlerweile auch [1][eine Filiale in Prenzlauer Berg].

Auf seiner Website bietet der Verein stolz SS-Runen, Hakenkreuz-Variationen und Wehrmacht-Ästhetik an. Kääriäinen ist auch Chefredakteur der zugehörigen Zeitschrift mit dem Namen „Achtung“, die das Andenken an die rund 1.400 Finnen ehrt, die im Zweiten Weltkrieg freiwillig in der Waffen-SS dienten. Kääriäinen posiert auch gerne für [2][finnische Zeitschriften mit Papas SS-Helm und Uniform-Mütze] und nennt dort neuere kritische Geschichtsaufarbeitung „ungerechte Anschuldigungen und Verdächtigungen“.

Denn inwiefern der finnische Teil der SS-Division Wiking tatsächlich an Kriegsverbrechen beteiligt war und ideologisch dem Nationalsozialismus nahestand, ist derzeit Gegenstand einer Debatte in Finnland. Jahrelang hatte man die Weltkriegsbeteiligung auf Seiten von Nazi-Deutschland eher unkritisch betrachtet. Auf [3][Anfrage des jüdischen Simon-Wiesenthal-Center untersucht das finnische Nationalarchiv derzeit,] inwiefern finnische SS-Männer an Kriegsverbrechen beteiligt waren.

Beteiligung an Erschießungen von Jüd*innen

Eine [4][kürzlich veröffentlichte Darstellung] des finnischen Historikers Andre Swanström brach zudem mit einem unkritischen Umgang, der laut Swanström weitgehend die Perspektive der SS-Veteranen reproduzierte. Anhand von Briefen und Tagebüchern listet er Kriegsverbrechen der SS-Einheiten auf und fragt, wie die finnische als einzige ausländische Freiwilligeneinheit über den rassistischen Vernichtungskrieg hätte uninformiert bleiben können. Demnach hätten sich auch finnische SS-Männer an Erschießungen von Jüd*innen und Kriegsgefangenen beteiligt.

Brauereichef Kääriäinen dagegen hält sein Geschichtsverständnis für unproblematisch. Der SS-Veteranenverband sei nach dem Krieg von Überlebenden zur gegenseitigen finanziellen Unterstützung gegründet worden und diene heute der Verbreitung „korrekter Informationen“, wie es auf der Website heißt: „Ich habe nichts mit Nazis zu tun und mein Vater auch nicht.“ Der sei ja ohnehin viel zu jung für Politik und mit Kämpfen an der Ostfront beschäftigt gewesen. Warum er dann Nazi-Symbolik auf seiner Website präsentiere? „Das ist nicht verboten in Finnland“, so Kääriäinen. Er sitzt für die konservative Partei „Kansallinen Kokoomos“ (Nationale Sammlungspartei) im Stadtrat von Hämeenlinna, einer 70.000-Einwohner-Stadt in Südfinnland.

Die Organisatoren der Grünen Woche fühlen sich für den Auftritt des Partnerlands nicht verantwortlich. Den Empfang hat der finnische Zentralverband der landwirtschaftlichen Produzenten und Waldbesitzer (MTK) organisiert. Der wiederum teilt auf Nachfrage mit, man arbeite schon seit Jahren zuverlässig mit der Brauerei zusammen. Man wisse, dass Pekka Kääriäinen in seiner Freizeit in einer Vereinigung sei, die sich mit der „Aufarbeitung des Krieges“ beschäftige. Ihres Wissens nach sei das aber kein rechtsgerichteter Verein. Die Verwendung von SS-Symbolen finde nur im historischen Kontext statt, was in Finnland nicht illegal sei. Man wolle daher die Privataktivitäten Kääriäinens nicht weiter kommentieren.

17 Jan 2019

[1] http://www.goodnewsfinland.com/big-plans-brewing-in-berlin-for-bryggeri/

[2] https://suomenkuvalehti.fi/jutut/kotimaa/han/sahtikeisari-puolustaa-suomalaisten-ss-miesten-mainetta-isa-ei-tiennyt/?shared=1050107-0c3a1f25-500

[3] https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article185918410/Himmlers-Freiwillige-Wie-kaempften-die-Finnen-in-der-Waffen-SS.html

[4] https://svenska.yle.fi/artikel/2018/10/21/forskare-finlandska-ss-man-gjorde-sig-skyldiga-till-krigsbrott-och-nastan-halften

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Gareth Joswig

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