taz.de -- Feierlichkeiten zum 9. Mai in Estland: Europa beginnt in Narva

Am Samstag feierte Russland den „Tag des Sieges“. Die Kreml-Propaganda schallte über den Fluss ins estnische Narva. Zu Besuch bei einer Gegenveranstaltung.

Bild: Nur hundert Meter liegen zwischen einem EU- und NATO-Staat und jenem zunehmend totalitären Land

„Wir sind mit euch!“, grölt ein Betrunkener an der Flusspromenade in Narva in Richtung des anderen Ufers. Auch seine Freunde tanzen angeheitert zu Popsongs und singen die Verse sowjetischer Kriegslieder mit, die russische Stars wie Tatjana Bulanowa dort, auf der gegenüberliegenden Seite, performen. Am Samstag feierte Russland den „Tag des Sieges“ über Nazideutschland – ein Gedenktag, den der Kreml längst propagandistisch überformt hat, um seinen Krieg gegen die Ukraine als Verlängerung des Zweiten Weltkriegs, als quasi-heilige Mission darzustellen. Es ist zum Fremdschämen.

Hundert Meter breit ist der [3][Fluss Narva, der die gleichnamige estnische Stadt vom russischen Iwangorod am gegenüberliegenden Ufer trennt]. Nur hundert Meter liegen zwischen einem EU- und NATO-Staat und jenem zunehmend totalitären Land, das seit über vier Jahren zwecks Wiederherstellung alter imperialer Größe Krieg gegen seinen Nachbarn Ukraine führt. Narva könnte potenziell das nächste Ziel sein, fürchten Experten. Denn viele Menschen hier fühlen sich Russland nahe. Fast alle sind russische Muttersprachler, jeder Dritte besitzt die russische Staatsbürgerschaft.

[4][Und weil der 9. Mai der wichtigste Tag im russischen Propagandakalender ist], stellt man in Iwangorod am Ufer alljährlich eine Bühne und große Leinwände auf. Und riesige Lautsprecher dürfen nicht fehlen, um das gegenüberliegende estnische Ufer den ganzen Tag lang zu beschallen. Um 10 Uhr morgens beginnt die Übertragung der Moskauer Militärparade, doch haben sich auf beiden Seiten des Flusses kaum Zuschauer versammelt. In Narva sitzen vereinzelt Rentner auf Bänken. Journalisten und Touristen, die als Schaulustige gekommen sind, übertreffen sie zahlenmäßig.

Erst am Nachmittag, als das Konzert beginnt, strömen die Massen herbei. Russische, sowjetische und Kriegssymbole wie das Z sind verboten – und daran halten sich die Zuschauer in Narva. Doch als ein junger Mann mit einem Plakat auftaucht – „Putin nach Den Haag, das ‚Einige Russland‘ auf den Pfahl. Nein zum Krieg, zum Gulag, zu Repressionen!“ – müssen Polizeibeamte ihn vor aufgebrachten Putin-Anhängern in Schutz nehmen.

Die EU-Flagge in der Hand

Unter Letzteren scheinen vor allem Rentner und Menschen mittleren Alters vertreten sein, die nostalgische Gefühle für das Leben in der Sowjetunion empfinden. Bis auf ein paar vereinzelte Jugendliche in Trainingsanzügen sieht man kaum jüngere Menschen, die bereits in einem unabhängigen Estland aufgewachsen sind. Anfälligkeit für russische Propaganda ist auch eine Klassen- und Bildungsfrage.

Als „andere Welt“ bezeichnen die Esten das russische Ufer. Den „Tag des Sieges“ zelebrieren sie nicht, denn für sie bedeutete der Sieg der Sowjetunion – wie für viele andere Nationen im östlichen Europa – keine Befreiung, sondern die Fortsetzung der Besatzung. Die Beschallung aus Iwangorod ist so aufdringlich, dass sie noch im Stadtzentrum von Narva zu hören ist. Mit einer offiziellen Gegenveranstaltung am Rathaus versucht man einen Kontrapunkt zu setzen. Der 9. Mai heißt hier Europatag – zu Ehren der Schuman-Erklärung von 1950, ein Meilenstein für die spätere Entstehung der EU.

Eine junge Frau nähert sich, gratuliert mir auf Russisch zum Feiertag („S prasdnikom!“) – mit denselben Worten, die auch die Anhänger der russischen Feierlichkeiten nutzen – und drückt mir eine kleine EU-Flagge in die Hand. Man bemüht sich, eine Alternative zur Kreml-Propaganda anzubieten, und viele nehmen sie an. Die Polizei, Grenzbeamte und der Heimatschutz haben Stände aufgebaut. In einem Zelt kann man Quizfragen zur EU beantworten und Geschenke gewinnen. Beim Katastrophenschutz lernt man, wie man einen Notfallrucksack packt. Die Stimmung ist heiter. Ärger über oder [5][gar Angst vor der „anderen Welt“]? Fehlanzeige.

Auf der Bühne spielt das Symphonieorchester von Narva. Auch der „EU-Kommissar für Generationengerechtigkeit, Jugend, Kultur und Sport“, Glenn Micallef, ist gekommen, um eine Rede zu halten. „Europe starts in Narva!“, verkündet er.

Und ich hoffe sehr, dass es hier nicht enden wird.

10 May 2026

[3] /Estnische-Grenzstadt-Narva/!6170812

[4] /9-Mai-in-Russland/!6176389

[5] /Tagebuch-aus-Estland/!6086531

AUTOREN

Yelizaveta Landenberger

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