taz.de -- Fake-Streamingkonto von Jason Moran: Gar nicht so for you

Der renommierte US-Jazzpianist Jason Moran wurde Opfer eines Fake-Accounts bei Spotify. Wie ernst nimmt der schwedische Konzern das Problem Piraterie?

Bild: Der US-Jazzpianist Jason Moran

Der US-Jazzpianist Jason Moran ist nicht irgendwer. Der 50-jährige New Yorker Künstler ist ein Schwergewicht der zeitgenössischen Jazzszene, ausgestattet mit einem gut dotierten Plattenvertrag beim traditionsreichen Label Blue Note Records. Auf der Online-Enzyklopädie discogs.com werden 32 veröffentlichte Alben unter seinem Namen oder mit ihm als Bandleader gelistet.

Moran war, bis er sich vergangenes Jahr „aus politischen Gründen“ zurückzog, Leiter des Fachbereichs Jazz [1][am renommierten „Kennedy-Center“] in der US-Hauptstadt Washington. Jason Moran wurde 2018 in die Academy of Motion Picture Arts and Sciences berufen, die gestern Nacht die Oscars vergeben hat. Er wurde mit dem wichtigsten Stipendium der USA, dem Mac Arthur-Fellowship, im Volksmund auch „Genius Grant“ genannt, ausgezeichnet.

Und trotzdem ist so jemand nicht davor gefeit, dass auf Spotify in seinem Namen ein Ghost-Account geführt wird. Darauf hingewiesen wurde Moran von einem Kollegen, der ihn fragte, ob er wüsste, dass eine neue EP unter seinem Namen veröffentlicht wurde, „For You“ betitelt, fünf Songs. Hochgeladen Anfang März 2026. Moran fragte seine beiden Söhne, ob die sich einen Scherz erlaubt hatten – hatten sie nicht. Er fragte bei seinem Hauptarbeitgeber Blue Note Records – Fehlanzeige.

Mit dem Chatbot kommunizieren

Dann wandte sich Moran an Spotify, wo er im Kleingedruckten beim Runterscrollen fast versteckt einen Hinweis auf die Plattformregeln im Feld „Sicherheit“ fand. Zunächst musste er mit einem KI-Chatbot verhandeln, bis sich nach mehreren Tagen – endlich – ein Mitarbeiter bequemte, Moran überhaupt in „seinen“ Account einzulassen.

Seit dem Gang an die Börse 2018 [2][hat Spotify die Monetarisierungs-Daumenschrauben weiter angezogen,] wie sonst nur die Erdölkonzerne beim Benzin. Mit blumigen Worten drückt der Streaminganbieter, nach wie vor Marktführer in Deutschland, auf seiner Homepage auf die emotionale Tränendrüse: „[3][Wir wollen großartige Erlebnisse (…) anbieten.] Dafür müssen Nutzer*innen darauf vertrauen können, dass alle die sind, die sie vorgeben zu sein, dass sie nicht betrogen werden und dass niemand versucht, unsere Plattform zu manipulieren. Nutze keine böswilligen Verhaltensweisen, um andere zu täuschen.“

Die großartigen Erlebnisse werden halt auch mit Ghost-Artists, Fake-Accounts und totalitärer Datensammel- und Überwachungswut erzielt. Spotify kümmert anscheinend weniger, wer Fake-Accounts betreibt und die Plattform hat auch anonyme Komponist:innen mit Auftragswerken für Ghost-Artist-Playlists beauftragt. Mehr Interesse hat der Big-Brother-Konzern daran, zu erfahren, wer seine User:innen sind, welche Tagesabläufe sie haben, wohin sie reisen und mit wem sie auf Social Media befreundet sind.

Jason Moran konnte sich immerhin auf die Solidarität seiner Kolleg:innen verlassen. Bis der Fake-Account unter seinem Namen verschwunden war, vergingen allerdings mehrere Tage. Unklar ist, wie hoch der Urheberrechtsschaden beziffert wird, der damit angerichtet wurde und wer den Fake-Account eigentlich betrieben hatte. Sobald Moran das falsche Spotify-Konto unter seinem Namen öffentlich gemacht hatte, berichteten Wegbegleiter:innen wie US-Jazzsängerin Gretchen Parlato von ähnlichen Vorkommnissen.

Keiki Mingus, Tochter der Jazzlegende Charles Mingus, schrieb in einem Statement: Wäre ihr Vater zu Lebzeiten von Fake-Accounts auf Spotify gepeinigt worden, er hätte sein Luftgewehr genommen und wäre vor der Konzernzentrale aufgetaucht.

16 Mar 2026

[1] http://az.de/Komponist-Philip-Glass-sagt-Weltpremiere-seiner-neuen-Symphonie-in-Washington-ab/!6149469&s=Kennedy+Center/

[2] /Probleme-beim-Musikstreaming-Boom/!6072418

[3] /Spotifygruender-investiert-in-Militaertechnik/!5820447

AUTOREN

Julian Weber

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