taz.de -- Eskalation zwischen Polen und Ukraine: Präsident Nawrocki entzieht Selenskyj höchsten Orden

Erneut gibt es Streit zwischen der polnischen und der ukrainischen Führung. Und er wird geführt mit der Aberkennung und der Rückgabe von Auszeichnungen.

Bild: Zwischen Polens rechtslastigem Präsident Karol Nawrocki und seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj herrscht Eiszeit

Am Freitag hatte der [1][polnische Präsident Karol Nawrocki] dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers, die höchste staatliche Auszeichnung Polens, aberkannt. Nawrocki begründete seinen Schritt mit der Entscheidung der ukrainischen Führung, einer Einheit der ukrainischen Streitkräfte den Ehrentitel „Helden der UPA“ zu verleihen. Selenskyj war 2023 von Nawrockis Vorgänger im Amt, Andrzej Duda, mit diesem Orden ausgezeichnet worden.

Nawrocki erklärte, die Maßnahme richte sich nicht gegen das ukrainische Volk und ändere nichts an [2][Polens grundsätzlicher Unterstützung für die Ukraine im Krieg gegen Russland]. Allerdings überschreite die Verherrlichung der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) aus polnischer Sicht eine historische rote Linie.

Unter den Kritikern der Entscheidung, einer ukrainischen Armeeeinheit den Ehrentitel „Helden der UPA“ zu verleihen, ist auch Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa. „Der Präsident der Ukraine hat mich und alle unsere getöteten Landsleute beleidigt, indem er die Banditen der UPA ausgezeichnet hat“, so Walesa.

Die UPA wird in Polen wegen ihrer Rolle während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere im Zusammenhang mit dem Massaker von Wolhynien, äußerst negativ bewertet. In der Ukraine hingegen gilt sie als Symbol des antisowjetischen Widerstands.

Doch in Polen ist die Entscheidung von Präsident Nawrocki auch nicht unumstritten.

Premierminister Donald Tusk warnte vor einer weiteren Eskalation. Jede öffentliche Konfrontation zwischen Warschau und Kyjiw sei unter den gegenwärtigen geopolitischen Bedingungen destruktiv und spiele ausschließlich dem Aggressorland in die Hände, so Tusk. Tusk rief beide Präsidenten zur Besonnenheit auf:

„Die Aufgabe der Präsidenten Selenskyj und Nawrocki besteht darin, die Emotionen zu dämpfen und nicht die Spannungen zu verschärfen. Die Frontlinie verläuft an anderer Stelle“, zitiert das ukrainische Portal rbc.ua den polnischen Ministerpräsidenten.

Gleichzeitig sprach sich der polnische Außenminister Radosław Sikorski gegen die Initiative des polnischen Präsidenten aus und erinnerte daran, dass auch der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder mit diesem Orden ausgezeichnet sei. Darüber hinaus, so zitiert rbc.ua den polnischen Außenminister, gehörten die russische Kaiserin Katharina II. und der faschistische Führer Italiens, Benito Mussolini, bis heute zu den Trägern des polnischen Ordens des Weißen Adlers.

Auch der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha kritisiert die Entscheidung des polnischen Präsidenten. „Die Entscheidung, Präsident Selenskyj den Orden zu entziehen, ist eine strategische Fehlentscheidung, von der nur Moskau profitiert“, so Syhiba auf Facebook. Sybiha kündigte zudem an, seine eigene polnische Auszeichnung zurückzugeben.

Für Kyrylo Budanov, Chef der Administration von Präsident Selenskyj, ist Nawrockis Initiative ein „Akt, der Russland in die Hände spielt“. Auch er erklärte den Verzicht auf eine polnische Auszeichnung.

20 Jun 2026

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Bernhard Clasen

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