taz.de -- Wolf in Hamburg: Wer das Tier stört

Die Begegnung zwischen Wolf und Mensch in Hamburg wird als Angriff dargestellt. Das ist falsch – und verdeckt, was aus dem Vorfall zu lernen ist.

Bild: Das Verhältnis von Menschen zu dem, was als Natur bezeichnet wird, ist prekär. Aber modellierbar. Oft zum Leidwesen von Tieren

Na, jetzt ist es ja noch einmal gut ausgegangen. Der Hamburger Wolf, mit dem eine Frau aneinander geraten war und sich verletzt hatte, [1][ist negativ auf Tollwut getestet, besendert und anschließend freigelassen worden.] „Auf Bewährung“, so Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne).

Schon dieses Schmunzel-Wording macht klar: Die Wolfshasser haben diskursiv Oberwasser. Denn durch den Ausdruck aus dem Strafvollzugsrecht wird das Tier ja zu einem Delinquenten. Das entspricht der medialen Darstellung, derzufolge der Wolf die Frau, die mal 60, mal hingegen etwa 60 und anderswo wiederum genau 65 Jahre alt ist, angegriffen hätte. Aber die Darstellung verzerrt das Ereignis: Anzugreifen bedeutet immer, [2][selbst tätig zu werden] – und nicht etwa, auf etwas bloß zu reagieren.

Das Wort „Angriff“ wäre also nur korrekt gewesen, wenn das Tier im Einkaufszentrum Großmüttern aufgelauert und sich auf eine gestürzt hätte. Darauf aber geben die Schilderungen keinerlei Hinweis. Im Gegenteil: Die im Umgang mit Wölfen ungeübte Frau soll das in die Mall geratene Tier entdeckt und sich ihm zugewandt haben. Manche Quellen unterstellen ihr sogar, [3][Herrn Isegrim] für einen [4][entlaufenen Hund] gehalten zu haben.

Dann kam es zum Zusammenstoß. Bei dem zog sich die Frau blutige Verletzungen zu, die ambulant behandelt werden mussten. Nach einem Biss, noch dazu ins Gesicht, wie unzuverlässige Medien kolportieren, hätte das kaum gereicht.

Schürf-, Platz- oder Kratzwunde?

Die Art ihrer Blessur ist nur der Frau eines gewissen Alters selbst und ihrem behandelnden Arzt bekannt. Solange die Verletzte nichts darüber sagt, bewegen sich alle Darstellungen irgendwo zwischen Spekulation und Lüge. Es ist möglich, dass der Wolf sie umgerannt hat. Dann wären neben Prellungen Schürf- oder Platzwunden zu erwarten. Es könnte auch Kratzspuren eines Prankenhiebs geben. Aber ein Biss …, sorry, [5][daran kann kaum glauben], wer schon einmal gesehen hat, wie ein Wolf [6][seine Zähne in ein Beutetier schlägt] und was vom Beutetier noch übrig bleibt.

Jemand, der in Panik um sich schlägt, ist nicht ungefährlich. Aber ein Angreifer ist er eben nicht. Insofern ist auch falsch, wenn der Förderverein der Deutschen Schafhaltung davon spricht, das Tier wäre „auffällig geworden“ – um sich zu empören, dass es nicht eingeschläfert wurde.

Das ist in etwa so unlauter argumentiert, als würde man Mitgliedern eines Vereins, der zum Wahlspruch „Wir lieben Schafe“ gewählt hat, [7][strafbare zoophile Praktiken unterstellen]. Nichts spricht dafür, dass der Wolf auf Menschenjagd war. Er war lediglich an einem Ort gelandet, mit dem er keine Erfahrung hatte. Und an dem er stört.

Macht's wie bei den Pilzen

Er wird die bestimmt lieb gemeinte Zuwendung als bedrohlich empfunden haben. [8][Unsere Sympathie gehört ihm trotzdem]. Und vielleicht stimmt es ja ein paar Nutztierhalter*innen versöhnlich, wenn sie sich klarmachen, dass [9][Wölfe die Schweinepest] und andere Seuchen [10][wirksamer bekämpfen] als irgendwelche Knallchargen.

Das Verhältnis von Menschen zu dem, was sie Natur nennen, ist prekär. Aber weil sie als lernfähig und vernunftbegabt gelten, wäre es sinnvoll, Maßnahmen der Volksbildung aus dem Hamburger Wolfszwischenfall abzuleiten. Denn wie man sich bei Begegnungen mit wilder Fauna richtig verhält, lässt sich einüben. Für den Anfang reicht's, es so zu machen, wie bei Pilzen: im Zweifel Finger weg und stehen lassen.

7 Apr 2026

[1] /Wolf-beisst-Frau/!6167345

[2] https://www.dwds.de/wb/angreifen

[3] https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/Niederdeutsch/15Jh/Reynke/rey_r102.html

[4] /Polemischer-Blick-auf-den-Hund/!5950481

[5] https://www.n-tv.de/panorama/Wolf-nach-Attacke-in-Hamburg-auf-Bewaehrung-freigelassen-id30685466.html

[6] /Jagd-auf-Woelfe/!6166471

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Was_Sie_schon_immer_%C3%BCber_Sex_wissen_wollten,_aber_bisher_nicht_zu_fragen_wagten

[8] https://www.deutschelyrik.de/das-huhn.453.html

[9] https://www.pap.pl/aktualnosci/news,972577,wilki-moga-pomoc-w-walce-z-asf.html

[10] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34696492/

AUTOREN

Benno Schirrmeister

TAGS

Ror Wolf

Christa Wolf

Wolf Biermann

Hamburg

Sprache

Reden wir darüber

Social-Auswahl

ARTIKEL ZUM THEMA

Wölfe in Niedersachsen: Kritik am Schnellschuss

Der neue niedersächsische Managementplan zur Wolfsbejagung stößt auf Protest. Naturschutzverbände warnen vor einer Aushöhlung des Artenschutzes.

Nach Attacke in Hamburg: Wolf auf Bewährung freigelassen

Das Jungtier, das in Altona eine Frau angegriffen haben soll, darf sich wieder frei bewegen. Das hat auch mit Unklarheit über den Vorfall zu tun.

Wolf beißt Frau: Es wird hart für den Wolf

Für Gegner des Raubtiers kommt der Zwischenfall vermutlich wie gerufen. Die Forderungen nach Wolfsabschüssen dürften lauter werden.

Kindertheater von Saša Stanišić: Der Wolf kommt nur nachts

Raphael Moussa Hillebrand inszeniert Saša Stanišićs preisgekrönten Jugendroman „Wolf“. Zu sehen ist das Stück im Berliner Theater an der Parkaue.

Proxied content from gemini://taz.de/Ende-des-Hamburger-Wolfszwischenfalls/%216168909 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/Ende-des-Hamburger-Wolfszwischenfalls/%216168909
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.