taz.de -- Elon Musks Kauf von Twitter: Gefährlicher Alpha-Befreier

Tesla-Chef Elon Musk übernimmt Twitter jetzt wohl doch. Der propagierte Tweet-Liberalismus ist gefährlich.

Bild: Gefährlich: Elon Musks Plan, auf Twitter keinerlei Zensur zuzulassen

Die Tech-Telenovela nähert sich dem Ende. Oder doch nicht. [1][Die Kauf-Frage in der Elon-Musk- Twitter-Beziehung wurde am Mittwoch teilweise geklärt] – nun muss der Vorstand des Nachrichtendienstes der Kaufsumme zustimmen. Dann dürfte irgendwann die Telenovela endgültig vorbei sein. Währenddessen werden wir noch eine Staffel bei der Frage der Meinungsfreiheit in der Twitter-Musk-Beziehung verfolgen dürfen. Und sie ist viel wichtiger als der Kaufpreis und die Auswirkungen auf die Börse.

Dass der reichste Mann der Welt die weltweit wichtigste Meinungsmacher-Plattform besitzen und sie unzensiert führen möchte, sollte Anlass zur Sorge sein. Auch bei demokratischen Regierungen. Dass sich hinter einem Teil der Twitter-User in Wahrheit [2][wohl Fake-Accounts oder Bots verbergen], ist kein gutes Zeichen für Meinungsfreiheit und fördert eher das Fake-News-Phänomen.

Ein bisschen Resthoffnung liegt bei den Twitter-Moderator*innen: Vielleicht schaffen sie es trotz der Musk-Übernahme weiterhin, den Hass- und Desinformationsfilter anzuwenden. Mit großer Freude wurde übrigens die Kaufabsicht unter dem Personal nicht unbedingt registriert.

Die transparente Offenlegung von Profilen ist auch keine demokratische Lösung per se: Die Proteste im Iran haben gezeigt, wie gefährlich es für Berichterstatter*innen vor Ort sein kann, wenn ihre Anonymität nicht geschützt wird. Auch [3][Musks Starlink-Satellit] kann nicht einfach so als „Schutzengel“ angewendet werden, wenn es an Genehmigungen für die Geräte in den jeweiligen Staaten und dem Kapital dafür fehlt. Die Idee von Musk als Alpha-Befreier ist einfach viel zu naiv.

Wenn der reichste Mann der Welt die Rolle des Meinungsfreiheitsbefreiers übernehmen will, dann sollte er diese Aspekte berücksichtigen. Reiner Tweet-Liberalismus in Zeiten von Cyber-Diplomatie, -Attacken, -Journalismus und -Politik wäre viel zu gefährlich. Aber diese Tech-Telenovela ist ein Anlass, eine gesellschaftliche Debatte über die Notwendigkeit echter Diplomatie und über die unangemessene Macht sozialer Medien anzustoßen.

5 Oct 2022

[1] /Twitter-Kauf-durch-Musk/!5886128

[2] /Tauziehen-um-Twitter-Uebernahme/!5863979

[3] /Kapitalismus-und-Raumfahrt/!5854163

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Gemma Teres Arilla

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