taz.de -- Dunkelfeldstudie zu häuslicher Gewalt: Frauen werden Opfer von Männern, Männer Opfer von Männern
Das Ausmaß der Übergriffe ist viel größer als bisher bekannt. Zu wenige Taten werden angezeigt und es fehlt an Frauenhäusern.
Bild: Nicht einmal 5 Prozent der körperlichen und psychischen Partnerschaftsgewalt werden überhaupt angezeigt
Wer sich schon länger mit Partnerschaftsgewalt, deren Ursachen und Folgen beschäftigt, den dürfte die erste Dunkelfeldstudie hierzu nicht überrascht haben. Danach haben jede fünfte Frau und jeder siebte Mann mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt von ihnen nahestehenden Personen erfahren.
Dass diese Zahl so hoch und noch höher sein könnte, ahnte man längst angesichts der massiven häuslichen Gewalt, die das Bundeskriminalamt jedes Jahr im November in Zahlen gefasst veröffentlicht. Für das Jahr 2024 – das ist die jüngste Erhebung – spricht die [1][Polizeiliche Kriminalstatistik von rund 266.000 Betroffenen] – so viel wie nie zuvor. Darunter fallen insbesondere Partnerschaftsgewalt, aber auch Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern.
Die Dunkelfeldstudie liefert eine weitere bittere Gewissheit: Nicht einmal 5 Prozent der körperlichen und psychischen Partnerschaftsgewalt werden überhaupt angezeigt. Die Gründe dafür liegen meist in der Gewaltbeziehung begründet: Da droht der Täter mit noch härterer Gewalt, sollte das Opfer irgendetwas von dem preisgeben, was zu Hause passiert, nicht selten droht er damit, zu töten. Das gehört zur sogenannten Gewaltspirale.
Es beginnt mit Liebe, aber schon bald gibt es erste Demütigungen und Beleidigungen, das Opfer wird verunsichert und von Freunden fern gehalten. Es folgen Ohrfeigen, Tritte, Prügel, irgendwann regelmäßig. Ein Opfer braucht durchschnittlich sieben Jahre, um sich daraus zu befreien. Manche schaffen es nie, weil sie finanziell, familiär oder emotional vom Täter abhängig sind.
Überrascht haben dürfte die Erkenntnis aus der Dunkelfeldstudie, dass auch Männer vor allem von psychischer Gewalt betroffen sind. Auch melden immer mehr Männer Gewalt gegen sie bei der Polizei. Das ist gut so. Es ist einerseits ein Indiz dafür, dass all die Aufklärungskampagnen gegen Gewalt in Beziehungen wirken. Andererseits zeigen sich Männer zunehmend verletzlich – und brechen dadurch mit einem Männlichkeitsbild, das auf Stärke, Unverletzbarkeit, Macht setzt. Das Schweigen der Männer war und ist ein Hindernis im Kampf gegen physische, psychische, digitale Gewalt.
Allerdings darf die neue männliche Offenheit nicht darüber hinwegtäuschen, dass die große Mehrheit der Opfer nach wie vor weiblich ist. 2024 waren es 70 Prozent, sie erlitten zum Teil schwerste Gewalt. Es bleibt dabei: [2][Frauen erfahren Gewalt von Männern, Männer in der Regel von anderen Männern].
Üben Frauen Gewalt gegen Männer aus, ist das meist eine Abwehrreaktion gegen die zuvor ausgeübte Männergewalt – also eher Notwehr als Angriff, wissenschaftlich bezeichnet als Conflict Tactic Scale. Am Ende bestätigt die Dunkelfeldstudie eine uralte Erkenntnis: Frauen sind Opfer von männlicher Gewalt im häuslichen Bereich. Wird das ernst genommen? Fraglich. Aktuell fehlen 14.000 Plätze in Frauenhäusern – erste Orte, an die Frauen vor der Gewalt flüchten können.
13 Feb 2026
LINKS
[1] https://www.bka.de/DE/Presse/Listenseite_Pressemitteilungen/2025/Presse2025/251121_PM_BLB_HG_StraftatengegenFrauen2024.html
[2] /Anwaeltin-zur-Dunkelfeldstudie-Das-Ausmass-der-Gewalt-in-Beziehungen-ist-erschuetternd/!6153546
AUTOREN
Simone Schmollack
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