taz.de -- Deutschland und die USA: Eine ziemlich toxische Beziehung

Deutschlands Wirtschaft hängt vor allem an den USA. Wege aus der Abhängigkeitsspirale sind mühsam, aber nicht unmöglich.

Bild: Die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland bleiben angesichts der Streitigkeiten weiterhin angespannt

Selten zuvor wurde in diesen Tagen die wirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands von den USA derart sichtbar. Versuche der Erpressung mit hohen Zöllen gegen die Verteidiger Grönlands sorgten für Aufruhr und das hektische Einberufen eines EU-Sondergipfels am Donnerstagabend. Ab Februar wollte US-Präsident Trump Importe aus acht Ländern, die sich gegen seine Annexionspläne wandten, darunter auch Deutschland, noch mit einem Extrasatz von 10 Prozent belegen.

Am Mittwochabend nahm Trump [1][zwar seinen Zollhammer zurück,] doch auch hierzulande macht man sich immer weniger Illusionen über den maroden Zustand der transatlantischen Beziehungen. So warnte Vizekanzler Lars Klingbeil vor zu viel Optimismus nach der Kehrtwende Trumps. Der Vorfall habe gezeigt, dass die EU ihre Hausaufgaben bezüglich Wettbewerbsfähigkeit und Verteidigung machen müsse.

Das betrifft besonders die exportorientierte deutsche Industrie, denn die USA sind der größte ausländische Absatzmarkt für Waren „made in Germany“. Vor allem Autos, Pharmaprodukte und Maschinen werden in die USA verkauft. Um rund 9,4 Prozent gingen die Exporte in die USA von Januar bis November 2025 zurück.

Deswegen hofft man in der Industrie auf die Erschließung neuer Absatzmärkte – etwa über das gerade besiegelte EU-Freihandelsabkommens mit den lateinamerikanischen Mercosurstaaten. [2][Dass das EU-Parlament nun ein Veto eingelegt hat], bezeichnet die Deutsche Industrie- und Handelskammer folglich als einen „Schlag in die Magengrube“.

Das Problem wird verlagert

Auch Merz „bedauerte“ in seiner Rede in Davos die Entscheidung der Abgeordneten. Es gebe keine Alternative zu dem Abkommen, „wenn wir in Europa mehr Wachstum haben wollen“. Neben dem Mercosur-Abkommen setzt man in Europa auf weitere Freihandelsabkommen – etwa mit Indien, Indonesien und Mexiko.

Doch es besteht das Risiko, dass mit neuen Abkommen das Problem nur verlagert wird. Ökonom*innen warnen seit Jahren, dass die Exportstärke der hiesigen Wirtschaft auch ihre Schwachstelle sei. Länder wie Deutschland machten sich „von der Entwicklung der Weltwirtschaft abhängig, die sie kaum beeinflussen können“, prophezeite das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zu Beginn von Trumps erster Amtszeit im Frühjahr 2017.

„So ist der drastische Rückgang der Wirtschaftsleistung in Deutschland während der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 wesentlich auf den starken Einbruch der Ausfuhren zurückzuführen.“ Das IMK sprach sich damals für eine Stärkung der Binnenwirtschaft aus, in Form von höheren Löhnen und mehr staatlichen Investitionen.

Dieses Rezept gilt auch heute noch: „Für Deutschland bedeutet der Wegfall eines der wichtigsten Handelspartner als Wachstumsmarkt, dass es umso wichtiger ist, die Nachfrage zu Hause und bei den EU-Partnern anzukurbeln und zu stabilisieren“, sagte IMK-Direktor Sebastian Dullien angesichts von Trumps Drohungen in Sachen Grönland. Die steigenden öffentlichen Investitionen durch das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz seien ein wichtiger Schritt. „Ein Aufschwung in Deutschland kann jetzt nur funktionieren, wenn auch der Konsum anzieht. Solide Lohnzuwächse sind dafür nötig, aber alleine nicht ausreichend, wenn die Menschen verunsichert sind“, so Dullien.

Die hiesige Wirtschaft braucht die USA aber nicht nur als Absatzmarkt. Sie ist in strategischen Bereichen auf Produkte aus den USA angewiesen, vor allem im Digital- und Finanzbereich. Wenn Merz und Co davon sprechen, dass Europa unabhängiger werden müsse, dann geht es darum, auch diese Abhängigkeiten abzubauen.

Als Trump zu Beginn seiner zweiten Amtszeit schon einmal einen Zollstreit entfachte, warnte EZB-Chefin Christine Lagarde vor drei US-Konzernen: Visa, Mastercard und Paypal. Diese drei Dienstleister dominieren in Europa den digitalen Zahlungsverkehr. Eine Alternative zu ihnen wird bereits mit dem [3][Zahlungsdienst Wero] aufgebaut, an dem große europäische Geldhäuser wie die Deutsche Bank oder die französische BNP Paribas beteiligt sind.

Die größte Abhängigkeit besteht allerdings von US-Digitalkonzernen. Mit einem Marktanteil von zusammen rund 60 Prozent dominieren etwa Amazon, Microsoft und Google das Geschäft mit der Cloud. Laut Digitalverband Bitkom sind acht von zehn Unternehmen vom Import digitaler Technologien und Dienste aus den USA abhängig. Die Angst ist groß, dass dieser digitale Stecker gezogen wird.

Eigene Rechenzentren sollen jetzt helfen, die Gefahr zu bannen, etwa die jüngst in Betrieb genommene European Sovereign Cloud. [4][Das dazugehörige Rechenzentrum befindet sich in Brandenburg.] Ein Zugriff oder gar ein Abschalten des Systems durch die USA soll so ausgeschlossen sein. Einen Schönheitsfehler hat das Projekt allerdings: Es wird betrieben von Amazon Web Services (AWS).

23 Jan 2026

[1] /Entspannung-in-der-Groenland-Frage/!6147829

[2] /EU-Abstimmung-zum-Mercosur-Abkommen/!6148028

[3] /Abhaengigkeit-von-US-Diensten/!6115490

[4] /Boom-der-Serverfarmen/!6099850

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Simon Poelchau

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