taz.de -- Deutsche Handballer vor der EM: Frischer und lustvoller
Das deutsche Team erwartet ein kompliziertes EM-Programm. Vor dem Auftakt gegen Österreich schöpft man aus der Kaderbreite Zuversicht für das Turnier.
Bild: Leistungsmäßig einer der Unantastbaren: Julian Köster im Freundschaftsspiel gegen Kroatien
Im Januar werden sie regelmäßig zu Deutschlands Sportlieblingen, können es bei den Einschaltzahlen sogar mit dem Fußball aufnehmen – wer sie beim Medientag des Deutschen Handballbundes aber mal eine Stunde erlebt, sieht ganz normale Jungs, keine abgehobenen Sportstars mit großflächigen Tätowierungen, peinlichen Frisuren und dicken Karren.
„Normal“ definiert jeder für sich selbst, schon klar. Wer jedoch mal selbst im Team gespielt hat, erkennt sofort die Prototypen: Da sind die Spaßvögel (Justus Fischer und David Späth), da ist der Freche (Marko Grgic), da sind die Maschinenöl-Typen (Jannik Kohlbacher und Rune Dahmke). Obendrüber stehen die Unantastbaren: Johannes Golla, Julian Köster, Juri Knorr und Andreas Wolff. „Unantastbar“ bezieht sich auf die Leistung. Nicht die Aura.
Mit den Dreien spricht man über dies und das, ohne Beklemmungen wegen der Banalität der Antworten zu kriegen. [1][Nur Weltklasse-Torwart Wolff ist etwas seltsam,] klammert jede Antwort auf eine vorsichtige private Frage aus („Vermisst du während der EM deine Familie?“). Ein einfaches „Ja!“ hätte gereicht.
So sind sie, die deutschen Handballer. Ganz oben im Organigramm steht ja auch einer, der während solcher Termine mit allen spricht, lacht, blödelt. [2][Alfred Gislason ist überhaupt kein knurriger Isländer.] Er interessiert sich seit Jahrzehnten für osteuropäische Geschichte, seine Freundin ist Beraterin in Nachhaltigkeitsfragen. Auch über Musik kann man sich mit ihm austauschen. Da sind keine inneren Abstandshalter.
Nur schwierige Gegner
Alle wissen, was sie aneinander haben, wenn sie in diese 17. Handball-Europameisterschaft starten. Gespielt wird ab diesem Donnerstag in Dänemark, Schweden und Norwegen.
Gislason, 66, ist seit fünf Jahren der Chef. Es ist sein Team. Mit seinen Entdeckungen wie Köster, Grgic und nun Abwehrspieler Tom Kiesler. Diese Gruppe geht ambitioniert und zuversichtlich in ein Turnier, das beginnend mit Österreich nur komplizierte Gegner zu bieten hat: Serbien, Spanien in der Vorrunde, dann – die ersten beiden kommen weiter – in dieser Reihenfolge (im Falle des Gruppensiegs) Dänemark, Frankreich, Norwegen und Portugal. „Wir haben Hammergegner. Schon eine Niederlage kann das Halbfinale kosten“, sagt Gislason.
Den Weg bis in die Endrunde soll die neue Breite ebnen. Zwar verletzte sich der Berliner Spielmacher Nils Lichtlein am Montag im Training und dürfte wenigstens vorerst fehlen, doch selbst ohne ihn hätte Gislason gerade im linken Rückraum die Qual der Wahl. „Wir haben ja eine Warteliste“, sagt er. Auch in der Abwehr kann er blockweise ohne Qualitätsverlust wechseln. Das probierte Gislason bei den Testspielsiegen gegen Kroatien munter aus, wobei das deutsche Strickmuster im Kern simpel ist: Am leichtesten wird es, wenn die Torhüter Wolff und Späth so überragend halten wie in den Tests.
Das ganze Team wirkt frischer und lustvoller als vor einem Jahr. Da kamen viele verschnupft oder hustend zum DHB, laborierten an Verletzungen, schleppten sich durchs Turnier. Es endete mit der knappen Viertelfinal-Niederlage gegen Portugal. Das war eine Enttäuschung, hatten die Deutschen doch sechs Monate davor die olympische Silbermedaille gewonnen. „Wir dachten damals, wir könnten unsere Spiele mit 90 Prozent gewinnen“, sagt Kapitän Golla. „Am Ende haben wir uns extrem geärgert, denn trotz eines mäßigen Spiels gegen Portugal hätten wir weiterkommen [3][und das dritte Mal nacheinander ein Halbfinale erreichen können.]“
Alle Spieler betonen, wie gut die fünf Wochen Urlaub im Sommer 2025 getan hätten. Allerdings sagt der Magdeburger Linksaußen Lukas Mertens auch: „Ich war so schnell wieder im Handballbetrieb, dass solch eine Pause nicht lange vorhält.“ Mertens ist einer der Vielspieler im deutschen Team. Er macht sich Gedanken über die Belastung. Er will nicht falsch verstanden werden; andere Berufe seien „viel, viel härter“, aber gerade als junger Vater sehe er die vielen Wochen außerhalb der Familie nun deutlich mit einem weinenden Auge.
Wenn sie erfolgreich starten, haben die großen Veranstaltungen immer etwas von Klassenfahrt für die deutschen Handballer. Am Dienstag reisten sie nach Silkeborg ins Teamhotel, 40 Minuten vom Spielort „Jyske Bank Boxen“ entfernt. Sie kennen es vom vergangenen Jahr; damals fand die WM auch in Herning statt. Inzwischen sind die Zimmer renoviert – und es ist auch hoffentlich genug Frühstück da. Das war ein Problem 2025. Die Dänen haben Besserung versprochen.
14 Jan 2026
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AUTOREN
Frank Heike
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