taz.de -- Debatte über Liedtext: Fragwürdige Antifa-Romantik
Der Song „Keine Angst“ von Danger Dan und Igor Levit ist ein Aufruf zur Selbstjustiz. Es ist verständlich, dass das ZDF dem keine Bühne bieten wollte.
Bild: Danger Dan und Igor Levit bei der Verleihung des Opus Klassik 2022 im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin, 09.10.2022
Ein Intendant des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erweist sich als rückgratloser Feigling, der schon aus bloßer Angst vor möglichen Protesten von rechts vorsorglich einknickt. Die Ausladung ist skandalös, finden zumindest Danger Dan und Igor Levit. Ihren neuen, gemeinsamen Song „Keine Angst“ wollten die zwei Musiker am kommenden Dienstag in der Satiresendung „Die Anstalt“ präsentieren, [1][wurden aber kurzfristig ausgeladen]. Ein autoritärer „Eingriff in die Meinungs- und Kunstfreiheit“, finden die beiden und werfen dem ZDF-Intendanten „Zensur“ vor. Ein Vorwurf, geeignet den Volkszorn gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk anzufachen – wenn auch diesmal von links.
Aber kann man den Text des Liedes nicht tatsächlich als Aufruf zu Straftaten und gar zur Gewalt lesen, wie der Sender meint? Die Stellen muss man in dem siebenminütigen Stück jedenfalls nicht lange suchen. Es fängt an mit der recht unverblümten Empfehlung, Parolen an Wände zu sprühen, um gegenüber Nazis das eigene Revier zu markieren – schon das ist eine Straftat, allerdings kaum mehr als eine Bagatelle.
Schwieriger wird es, wenn die beiden in ihrem Song empfehlen, heimlich Treffen von Rechten zu fotografieren, ihr privates Umfeld und ihren Arbeitsplatz auszuspähen und sie bis nach Hause zu verfolgen. Kurz: sie auszuspionieren. Schwierig ist das nicht nur, weil unklar bleibt, wen genau Danger Dan und Igor Levit alles als „Nazischwein“ betrachten, das auszuspähen ihrer Meinung nach legitim sein soll. Problematisch ist auch der Vorschlag, diese Menschen dann „mit Fotos und Funktionen, mit Namen und Adressen“ öffentlich „auf Flyern und Plakaten“ an den Pranger zu stellen.
„Doxing“ für den guten Zweck?
Das systematische Sammeln und Veröffentlichen privater Daten einer Person ohne deren Zustimmung [2][wird als Doxing bezeichnet und ist strafbar] – egal, ob im Internet oder an anderen öffentlichen Orten. Es mag Danger Dan und Igor Levit nicht gefallen, aber in einem Rechtsstaat haben auch Rechtsextreme ein Recht auf Privatsphäre.
Der Arbeitsplatz vieler prominenter Rechtsextremisten ist ohnehin klar: Sie sitzen heute in den Parlamenten und arbeiten für die AfD oder schreiben für Apollo News. Da hilft dann auch die Empfehlung, sie zu outen und beim Arbeitgeber anzuschwärzen wenig. Und ob es in manchen Dörfern in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern so viel bringt, per Steckbrief auf den örtlichen Neonazi hinzuweisen, ist ebenfalls fraglich. Die einflussreichsten Rechtsextremisten outen sich dort aktuell selbst, mit vollem Namen und Gesicht auf ihren Wahlplakaten.
Mit ihren Doxing-Ideen setzen Levit und Danger Dan vielmehr ein gefährliches Exempel. Was, wenn örtliche Rechtsextremisten dazu übergehen, ihre politischen Gegner per Steckbrief in ihrem Viertel oder Dorf öffentlich anzuprangern? Rechtsextreme Medien [3][greifen jetzt schon unliebsame Aktivisten, Beamte und sogar Richter persönlich an]. Wie will man das skandalisieren, wenn man es selbst macht?
An dieser Stelle zeigt sich ein bemerkenswerter Widerspruch: Auf der einen Seite misstrauen Levit und Danger Dan dem Staat und der Polizei, wirklich gegen rechte Strukturen vorzugehen. Auf der anderen Seite glauben sie aus unerfindlichen Gründen, die öffentliche Meinung hinter sich zu haben, wenn sie gegen jene vorgehen, die sie als „Nazischweine“ identifiziert haben. Das ist naiv, schließlich hat die AfD in manchen Regionen längst eine Mehrheit hinter sich.
Poesie eines Flugblattpamphlets
Es steht außer Frage, dass „Keine Angst“ von der Kunstfreiheit gedeckt ist. Aber der Song ist nicht nur politisch, sondern auch ästhetisch bedenklich. Der bierernste Liedtext verströmt in etwa so viel Poesie wie ein Antifa-Flugblatt, das zu schmalzigem Klaviergeklimper vertont wurde. Danger Dan ist eben kein Kurt Tucholsky. Ihm fehlt die feine Ironie des legendären deutschen Publizisten und Satirikers, der einst empfahl, „Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft“, um die Nachgiebigkeit des liberalen Bürgertums gegenüber dem wachsenden Rechtsextremismus in der Weimarer Zeit anzuprangern.
Romantisierung linker Militanz
Man kann „Keine Angst“ getrost als völlig ironiefreie Handlungsanweisung lesen, die Dinge „selber in die Hand“ zu nehmen und sich in „lokalen Antifastrukturen“ zu organisieren. Aber der Song ist auch ein Zeitdokument: Er spiegelt die zunehmend paranoide und selbstgerechte Stimmung in einer Szene wider, die sich aus dem verständlichen Gefühl politischer Ohnmacht in fragwürdige Militanz-Fantasien flüchtet.
Dafür sprechen besonders die – keineswegs augenzwinkernden – Grüße, die Danger Dan am Ende des Stücks an „Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ sendet. Damit spielt er auf die Linksextremistin Lina E. und ihre Mitstreiter:innen an, die unter anderem in Leipzig und Budapest, mit Gewalt gegen bekannte Neonazis vorgegangen sein sollen und dafür zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden.
Man kann die Reaktionen des Staats gegen diese Aktivisten als völlig überzogen kritisieren, ohne damit gleich die Methoden dieser „Antifaschisten“ gutzuheißen. Sie merken nicht, wie nah sie damit jenen kommen, die sie zu bekämpfen glauben.
18 Jul 2026
LINKS
[1] /Keine-Angst-von-Danger-Dan/!6197056
[2] /Gesetz-gegen-Feindeslisten-und-Doxing/!5746623
[3] /Pro-Asyl-im-Visier-der-Rechten/!6090249
AUTOREN
Daniel Bax
Kunstfreiheit
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