taz.de -- Phänomen Ikkimel: Mama, Schimpfwort und Giftmord

Rapperin Ikkimel sorgt mit ihrem neuen Album „Poppstar“ für Furore. Ist ihr Partysound Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung oder plumpe Provokation?

Bild: Ist das noch Berlin, oder schon L.A.: Ikkimel

Kaum eine Frau in Deutschland wird von einer bestimmten männlichen Klientel so gehasst wie die Rapperin Ikkimel. In den sozialen Medien wird der Popstar aus Berlin-Tempelhof regelmäßig als hässlich und untalentiert beleidigt. Die 29-Jährige erhält auch Hassnachrichten, in denen ihr mit Vergewaltigung, ja sogar Mord gedroht wird. Viele Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, kennen das Phänomen. Aber Ikkimel scheint Männer ganz besonders in Rage zu bringen.

Ihre Musik provoziert. Bekannt wurde die Rapperin mit „Keta und Krawall“, einem Rapsong, in dessen Reimen es um die Partydroge Ketamin geht, in dem sie ihre „prallen Titten“ und ihren „runden Arsch“ besingt und nebenbei auch erwähnt, einen Mann zu ihrem „Wau Wau“ – also Hund – zu machen.

Ikkimel mischt [1][HipHop], Techno und Hyperpop munter durcheinander. Ihre Texte sind explizit, es geht oft um Drogen, Sex und die Degradierung des anderen Geschlechts. Rapper machen das schon lange. Da Ikkimel eine junge Frau ist, wurde sie schnell zu Deutschlands kontroversester Rapperin. Auch in den Medien wurde ihre Musik viel besprochen, oft so erschöpfend, dass man auf den Gedanken kommen könnte, alles wäre bereits gesagt. Und dann gibt es doch wieder etwas. Neuerdings ist Ikkimel das Gesicht der Kosmetikmarke „Mac“.

Sie ist Mama

Ikkimel hat Millionen Fans. Einige nennen sie „Mama Ikki“ oder „Mutter“. Da sie so schamlos über Sex spricht, verkörpert sie für manche eine neue Art weiblicher Selbstbestimmung. Ein Beispiel aus ihrem neuen Album: „Uh yeah/Sex am Strand/Sex on the Beach und auch Sex ohne Namen/Machs mir auf nem Speedboot oder auf nem Vulkan/Ich versteh kein Wort aber er gibt mir Schwanz.“

Für die einen gilt sie als feministische Ikone, für die anderen als eine sich selbst und alle Männer sexualisierende und degradierende Schande, die die Jugend verdirbt. Gut für Ikkimel ist, dass Kontroversen Klicks bringen und Klicks wiederum Geld. Die meisten Konzerte ihrer bevorstehenden Tour im Herbst sind bereits jetzt ausverkauft.

Auch auf ihrem neuen Album „Poppstar“ geht es wieder um Sex und Drogen. Jedoch treibt es Ikkimel mit der Provokation darin noch einen ganzen Schritt weiter und schafft es so erneut, zum Gesprächsthema zu werden. Anstatt sich nur über Männer lustig zu machen oder sie zum Sexobjekt zu erklären, beschreibt sie in dem Song „Giftmord“ genüsslich den Mord an einem Mann. „Frauen brauchen kein Schimpfwort, unsere Waffe heißt Giftmord/Ermorde den Hurensohn, wenn er gerade nicht hinschaut.“ Während er röchelt, halte sich ihr Mitleid in Grenzen, danach nimmt sie sein Konto aus und fliegt mit dem Geld nach Sizilien, heißt es weiter.

Den Spiegel umgedreht

Mittlerweile beziehen sich viele negative Kommentare unter ihren Social-Media-Posts auf diesen Song, die meisten interpretieren ihn wörtlich. Manche Männer fühlen sich von der Gewaltfantasie in „Giftmord“ angegriffen. Dabei sind es in Realität meistens Frauen, die von Männern angegriffen werden und ja, auch ermordet. In Deutschland ereignet sich fast täglich ein Femizid. Überwiegend sind die Täter Partner oder Expartner der Frauen.

Ikkimel verweist mit ihrer überspitzt formulierten Täter-Opfer-Umkehr genau auf diesen Umstand. „Giftmord“ kann also als gesellschaftskritisch verstanden werden. Perfide ist, dass der Aufschrei im Internet nun kommt, wo sich Gewalt von Frauen einmal auf einer fiktionalen Ebene gegen einen Mann richtet. Aber nicht, wenn in der Realität Frauen leiden. Viele sprechen Ikkimels Texten generell ab, einen tieferen Sinn zu haben. Auch bei Künstlerinnen wie [2][Shirin David] und [3][Lady Bitch Ray] hat es gedauert, bis einigen Hörer:Innen klar wurde, dass deren Musik klug ist, dass sie ganz genau wissen, was sie tun.

Ikkimel nutzt den Spiegel-Trick noch mehrmals auf ihrem neuen Album. Wenn Frauen in Realität manchmal noch wie unbezahlte Hausarbeiterinnen und Sexobjekte behandelt werden, sind es in Ikkimels Welt einfach die Männer. Manche der männlichen Rapfans scheinen genau davor Angst zu bekommen. Das scheint in vielen Hasskommentaren an Ikkimel durch. Genau das will die Rapperin: dass die Männer endlich kapieren, was es heißt, Angst zu bekommen.

Witz und Selbstironie

Ihre Kritik verpackt Ikkimel in partytaugliche Beats, die Reime sind voller Witz und Selbstironie. Man kann zum Sound von „Poppstar“ auch super tanzen und einfach Spaß haben. Eine Menge Leute haben das bereits getan, wochenlang stand das Album an der Spitze der Charts. Mittlerweile hat Ikkimels „Fotzenrap“ – wie sie ihre Musik auch selbst nennt – zudem junge Raptalente beeinflusst: Zsá Zsá und Vicky würden heute sicher nicht so klingen, hätte „Mama Ikki“ keine Vorarbeit geleistet.

Das ist ganz in ihrem Sinne, andere Frauen zu ermutigen ist für Ikkimel essenziell. So rappt sie zum Beispiel in „Not Today“: „Ich will, dass alle Girls schauen/Will, dass sich jedes gottverdammte Girl traut.“ Zwar meint sie damit, ihren Arsch zu schwingen, aber das lässt sich auch aufs Hirn übertragen.

18 Jun 2026

[1] /Album-von-Vince-Staples-Der-Tod-ist-ihr-Entertainment/!6187083

[2] /Netflix-Doku-ueber-Shirin-David-Die-Probleme-des-Rap-Business-werden-sichtbar-gemacht/!6163617

[3] /Rapperin-an-Berliner-Universitaet/!6160115

AUTOREN

Alice von Lenthe

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