taz.de -- Daniel Kehlmann über Berlinale-Eklat: „Das Meinungsklima ist in Gefahr“

Schriftsteller Kehlmann warnt vor einer Kündigung der Berlinale-Chefin Tricia Tuttle. Und fordert von Kulturschaffenden Haltung.

Bild: „Man muss Tricia Tuttle eigentlich anflehen, nicht zu gehen“ – die Festivalchefin bei der Abschlussgala der diesjährigen Berlinale

taz: [1][Eine mögliche Entlassung der Berlinale-Chefin Tricia Tuttle] haben Sie gegenüber dem PEN Berlin als „größte Katastrophe der deutschen Kulturpolitik seit der Hausdurchsuchung bei Heinrich Böll im Jahr 1972“ bezeichnet. Was sind die Hintergründe dieser Einschätzung?

Daniel Kehlmann: 1972 war Deutschland, aufgehetzt von der Springer-Presse, in einer wilden Panik, das Land wäre von „Radikalen“ durchsetzt, die alle gemeinsam den Kommunismus an die Macht bringen wollten. Als Heinrich Böll versuchte, dagegen Einwände vorzubringen, galt er plötzlich als „Wegbereiter des Terrors“. Die Dinge eskalierten und führten zu einer Hausdurchsuchung bei ihm. Eine Hausdurchsuchung ist etwas ganz anderes als eine Kündigung, aber die Parallele liegt in der fast surrealen Überreaktion.

taz:Wie haben Sie die Diskussionen um die diesjährige Berlinale erlebt?

Kehlmann: Darauf kann ich nur sehr kurz antworten: als ziemlich lächerlich.

taz:Wie bewerten Sie den [2][Auftritt des palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib bei der Preisverleihung?]

Kehlmann: Es war ein lauter, aufgeregter Auftritt. Ich kenne Alkhatib nicht, aber eine kurze Internetrecherche fördert zutage, dass er in einem Flüchtlingslager aufgewachsen ist, weil seine Familie von den Israelis vertrieben wurde. Dass er seit früher Jugend als Menschenrechtsaktivist gewirkt hat, oft unter großem persönlichem Risiko. Dass er während des Bürgerkriegs freiwillig in Syrien blieb, um Menschen zu helfen, dass man dort versucht hat, ihn zu töten, mehrmals, und dass er trotzdem so lange blieb wie möglich. Dass er für seinen Einsatz für Gewaltlosigkeit in Schweden einen Menschenrechtspreis bekommen hat. Das ist alles doch auch nicht ganz unwichtig. Die Bild-Zeitung hat es so dargestellt, als hätte er die Zuschauer mit dem Tod bedroht. Ich habe mir den Ausschnitt angesehen und kann nur sagen, ich habe mich nicht bedroht gefühlt.

taz:Wie stehen Sie zur Festivalchefin Tricia Tuttle? In ihrer Erwiderung auf den [3][offenen Brief, in dem mehrere Kulturschaffende der Berlinale Beteiligung an Zensur vorwarf], schrieb Tuttle: „Wir wissen, dass die Darstellung von Menschen als ‚propalästinensisch‘ oder ‚proisraelisch‘ die komplexe Bandbreite an Perspektiven verengt und den Diskussionen, die wir über eines der schwierigsten und polarisierendsten Themen unserer Zeit führen müssen, nicht gerecht wird.“ Sehen Sie einen Weg, wie man zu solchen komplexen Diskussionen kommen könnte?

Kehlmann: Ich bin auch ein wenig ratlos, zumal der Rest der Welt das problemlos zu schaffen scheint. Es ist einfach eine verstörende Tatsache, dass Israel zurzeit eine rechtsradikale Regierung hat und unerträgliche Kriegsverbrechen begangen hat. Damit müssen wir alle umgehen, leicht ist das für niemanden, aber Deutschland geht damit nicht auf eine vernünftige Weise um. Ich lebe zurzeit in New York und treffe fast täglich jüdische intellektuelle, die über diese Kriegsverbrechen entsetzt sind, die sich tief enttäuscht und verletzt fühlen deshalb, auch in ihrer eigenen tiefen Sympathie zu diesem Land. In Deutschland müssten sie sich schon dafür von Nichtjuden, oft Enkeln von Nazi-Tätern, in den Medien und der Kulturbürokratie Antisemitismus vorwerfen lassen. Vielleicht wäre es hilfreich, diesen Begriff nur noch für echte Antisemiten zu verwenden. Gerade heute findet in Schloss Elmau ein Symposion statt, an dem der echte, bekennende Antisemit und Neofaschist Curtis Yarvin teilnimmt. Er ist dort aber offenbar willkommen, weil man von ihm noch keine Äußerung gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu gehört hat.

taz:Was wäre die Rolle von Schriftsteller*innen dabei?

Kehlmann: An der Vernunft festzuhalten, so wie Heinrich Böll es uns in den Siebzigerjahren zeigte. Und dann vielleicht darüber schreiben, wie es Böll es mit seiner „Verlorenen Ehre der Katharina Blum“ tat.

taz:Wie bewerten Sie [4][die Rolle von Wolfram Weimer als Kulturstaatsminister?]

Kehlmann: Er sieht sich ja als großen Träger der klassischen Kultur. Dazu eine kurze Geschichte: Ich habe mal eine Literaturkolumne bei Cicero verfasst, vor vielen Jahren. Irgendwann dachte ich, jetzt ist es genug, und in meiner letzten Kolumne schrieb ich sinngemäß: Meine heutige, letzte Literaturempfehlung wäre, lesen Sie keine Magazine, lesen Sie stattdessen große Literatur wie Tolstoi. Auf der Ebene der Geschäftsführung wurde entschieden, diese Kolumne sei in Cicero nicht druckbar. Weil ich darin empfehle, lieber Tolstoi zu lesen als Cicero. Ich wurde für die Kolumne voll bezahlt, und seither weiß ich, was ich von Wolfram Weimer als Kulturträger halte.

taz:Sie sind Mitglied des PEN Berlin. In einer Pressemitteilung bedauert diese Vereinigung eine vertane Chance: Eine prominente palästinensische Stimme hätte sich für eine friedliche Koexistenz von Israelis und Palästinensern, für Mäßigung und Austausch sowie gegen Terrorismus und Antisemitismus äußern können. Wie stehen Sie dazu?

Kehlmann: Das ist vollkommen richtig, und dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

taz:International hört man viele Stimmen, die die Meinungsfreiheit in Deutschland in Gefahr sehen. Wie sehen Sie das?

Kehlmann: Das Meinungsklima ist in Gefahr, nicht die Meinungsfreiheit. Menschen werden für Äußerungen, die im Rest der Welt völlig vertretbarer Teil des Diskurses wären, oft die wildesten Vorwürfe gemacht. Und wie Sie sehen, kann man als Festivalchefin seinen Job verlieren wegen etwas, das ein Preisträger auf der Bühne sagt. Wolfram Weimer sieht sich ja als großen Kämpfer gegen Cancel Culture, aber das gilt bei ihm nur für Leute, mit deren Meinung er völlig übereinstimmt.

taz:Was ist Ihre Beziehung zur Berlinale?

Kehlmann: Ich besuche sie seit vielen Jahren gern und war sehr stolz und dankbar, [5][als der von mir geschriebene Film „Nebenan“ 2021 im Wettbewerb lief]. Die Berlinale ist immer noch eines der drei wichtigsten Filmfestivals der Welt. Wenn Tricia Tuttle jetzt unter diesen Umständen gehen würde – und man muss sie eigentlich anflehen, das nicht zu tun –, würde sich das radikal ändern. Keine renommierten Filmemacher würden mehr ihre Arbeiten da zeigen wollen, und es würde in ein paar Jahren auf der Berlinale fast nur noch Dokus über bayerische Gesangsvereine und den jeweils neuesten Til-Schweiger-Film geben. Oder, wie Wolfram Weimer es wohl nennen würde: ein optimaler Ausgang.

Hinweis: Das Interview wurde per E-Mail geführt

26 Feb 2026

[1] /Berlinale-Chefin-darf-erstmal-bleiben/!6158159

[2] /Abschluss-der-Berlinale/!6156518

[3] /Konflikt-um-Gaza-auf-der-Berlinale/!6155498

[4] /Kommender-Kulturstaatssekretaer-Weimer/!6085041

[5] /Deutsche-Filme-bei-der-Berlinale/!5749550

AUTOREN

Dirk Knipphals

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