taz.de -- Buch über Erinnerungskultur in Spanien: Erinnern, um zu vergessen
Spanien tut sich schwer mit dem Erbe der Franco-Diktatur. Thomas Stölting plädiert für ein Ende des Schweigens und eine produktive Erinnerungskultur.
Bild: Karnevalist:innen auf Teneriffa laufen als General Franco und seine Familie verkleidet durch die Straßen
Franco muss vergessen werden“, gibt Thomas Stölting seinem Buch zum 90. Jahrestag des Beginns des Spanischen Bürgerkrieges einen Titel, über den viele in Spanien nur den Kopf schütteln würden. Die einen, weil sie den Diktator, der nach einem Aufstand und Krieg gegen die Republik das Land 40 Jahre mit eiserner Hand regierte, noch immer verehren, und die anderen, die nicht nur Stölting sympathischer sind, Erinnerung einfordern. Erinnerung an die Gräueltaten und deren Opfer – etwas, mit dem sich Spanien bis heute schwer tut.
Und doch ist dies kein Widerspruch. Denn der Autor, der zehn Jahre in Spanien lebte, versucht beides zusammenzubringen, Erinnern und Vergessen, indem er das Vergessen als Ende eines Erinnerungsprozesses definiert. Um aufzuzeigen, warum und woran dies bis heute scheitert, geht das Buch im Detail auf die traumatische Geschichte Spaniens ein. Auf knappen 100 Seiten zeigt das Essay Ursachen, Verlauf und Folgen des Bürgerkrieges auf und beschreibt, wie ein „langer Schatten auf das Land“ fiel, der so der Autor, „bis heute reicht“.
Ein reines Geschichtsbuch hat Stölting dabei nicht geschrieben. Vielmehr versucht er, die Geschichte anhand von individuellen Geschichten greifbar zu machen. Er taucht ein in die Biografie der Täter, angefangen beim Putschistenführer General Francisco Franco, bis hin zu regionalen Kriegsherren, etwa auf den Kanarischen Inseln, denen ein besonderer Stellenwert eingeräumt wird, da dort, so der Autor, nach einem schnellen Sieg der faschistischen Truppen in einer Art Labor vorweggenommen wurde, was dem ganzen Land in den kommenden Jahren blühen würde. Und er befasst sich auch exemplarisch mit dem Lebenslauf einiger derer, die dem faschistischen Terror zum Opfer fielen. Hierbei führen die Spuren bis zu den KZs in Nazideutschland.
Verbrechen mit deutscher Hilfe
Das Buch zeichnet ein Bild des Krieges und einer Diktatur, bei denen zum Schluss [1][Hunderttausende von Toten], Repressionsopfer und Flüchtlinge zu beklagen waren. Ein Verbrechen an der Menschlichkeit – mit Hilfe der Nazis unter Hitler, die ihre Luftwaffe schickten, um Franco zu unterstützen. „Vergessen wurde auch, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne [2][deutsche Militärhilfe] nie zum Spanischen Bürgerkrieg gekommen wäre“, heißt es im Buch.
Stölting beschreibt die innere Dynamik eines Bündnisses aus Armee, Faschisten, Eliten und katholischer Kirche, die das Land in dunkle Jahre stürzte. Es zeigt auf, wo die historischen Wurzeln dieser unheiligen Allianz liegen und wie diese bis heute weiterlebt. Der Autor beschäftigt sich aber auch mit den Bruchlinien, mit der Dynamik, die schließlich zur Modernisierung und nach Francos Tod am 20. November 1975 zur Öffnung Richtung Europa und damit zum Übergang zur Demokratie führten.
Allzu unkritisch betrachtet er dabei allerdings die Rolle der Monarchie und des Altkönigs [3][Juan Carlos I].. Die Forschung zeigt heute, dass dessen Rolle nicht ganz so positiv einzuschätzen ist, wie dies die offizielle Geschichtsschreibung zur Transición, dem Übergang zur Demokratie, und auch Stölting tun.
An der Transición kritisiert der Autor aus heutiger Sicht insbesondere den „Pakt des Schweigens“. Dieser Pakt „sollte einst die Täter schützen, damit die Gesellschaft in Frieden leben kann. Doch inzwischen ist kein Grund mehr erkennbar, warum am damaligen Kompromiss noch festzuhalten wäre“, heißt es. Die Täter des Bürgerkriegs seien längst tot und die „Kinder und Kindeskinder der Verfolgten und Ermordeten wollen vor allem Klarheit“. Dass die Frage der Aufarbeitung in Spanien noch immer heiß debattiert wird, sei, so Stölting, ein deutlicher Hinweis auf das damals erlittene Trauma.
„Der Pakt des Schweigens mag einst eine demokratische Entwicklung überhaupt erst möglich gemacht haben“, analysiert der Autor, doch inzwischen gefährde er die Demokratie. Denn „die faschistischen Kräfte, die niemals weg waren, treten (wie etwa die VOX-Partei) wieder ins Offene und füllen das Vakuum des Schweigens mit ihren unhaltbaren, frei erfundenen Legenden über das franquistische Spanien“. Die Wahrheit über Bürgerkrieg und Diktatur zu ergründen und auszusprechen, sei deshalb eine demokratische Notwendigkeit, begründet Stölting seine Forderung nach Erinnern als Teil des Prozesses des Vergessens „als aktiver Akt“.
20 Apr 2026
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AUTOREN
Reiner Wandler
Politisches Buch
Spanien
Franco-Diktatur
Bürgerkrieg
NS-Verbrechen
Erinnerungskultur
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