taz.de -- Bahnfahren in Indien: Mit der Aqua Line durch Mumbai

Nach acht Jahren Bauzeit wurde die erste unterirdische Metrolinie eröffnet. Das Projekt war umstritten, noch haben sich nicht alle an sie gewöhnt.

Bild: Mumbai, Indien, 8. Oktober 2025: ein Familie während einer „Spaßfahrt“ mit der Aqua Line

Lange zog sich der Bau von Mumbais erster echter U-Bahn hin. Begleitet wurde er von Hindernissen wie dem [1][Corona-Lockdown,] von Finanzierungsfragen, politischen Streits und Protesten von Bürgern, die sich um den Denkmalschutz in Südmumbai und um die zahlreichen Bäume sorgten, die für ein Bahndepot in der Aarey Milk Colony gefällt werden sollten.

Ebenso lange versprachen die Bauabsperrungen: „Mumbai is upgrading“. Sie haben nicht gelogen, sagen nun manche. Nach acht Jahren Bauzeit wurde die „Aqua Line“ im Oktober voll eröffnet. Nun sind der Nationalpark bei Aarey, der Stadtflughafen, [2][der Slum Dharavi] und South Bombay, kurz SoBo, das koloniale Herz der Stadt, auf einer 33,5 Kilometer langen Strecke miteinander verbunden. Know-how und finanzielle Unterstützung dafür kam von der staatlichen japanischen Entwicklungsagentur JICA.

Immer mehr Menschen nutzen nun die Aqua Line. Manche, wie Meena Kadam, eine Mittdreißigerin in buntem Sari aus Worli, müssen sich erst noch daran gewöhnen. Nur einmal sei sie bisher damit gefahren – aus Neugier. Auf dem Bürgersteig vor ihrem Haus weisen Schilder zur Linie, sie folgte ihnen kurzerhand.

„In der Metro fühle ich mich wie im Ausland“, sagt sie schmunzelnd. „Solche Züge habe ich bisher nur in Videos auf dem Handy gesehen.“ Für den täglichen Weg zu ihrer Arbeit als Haushälterin sei es jedoch zu umständlich. Ihre Strecke sei zu kurz, und an der Station gibt es eine Sicherheits- und Taschenkontrolle wie bei den teuren Shopping-Malls.

Familienvergnügen: Metro fahren

Doch Kadam hat noch einen weiteren Grund: „Eine Fahrkarte mit der Metro kostet 20 Rupien – für kurze Strecken. Der Bus kostet die Hälfte.“ Zwar ist die Bahn voll klimatisiert, aber mehr zahlen möchte sie dennoch nicht. „Außerdem liegt die Haltestelle näher an meinem Zuhause“, sagt sie.

Andere nutzen die Metro einfach aus Vergnügen. Am Wochenende sitzen oft ganze Familien in einer Reihe und unterhalten sich laut; kleine Kinder drehen sich voller Freude um die Stangen in den Waggons, Mädchen machen Selfies im für Frauen reservierten Teil des Zugs.

Mit seinem U-Bahn-Projekt ist Mumbai spät dran. In Kolkata wurde die erste Metro Indiens schon vor über 40 Jahren eröffnet. Wobei Mumbai auch nicht ganz ohne Metro da stand: Seit 2014 operiert die oberirdische Metro 1 und eine einspurige Monorail. Die Zeitung Mumbai Mirror nannte sie spöttisch „Monofail“, da sie durch ihre hohe Wartung und die geringe Frequenz wenige Mumbaier zum Umsteigen überzeugte.

Mit der Aqua Line, die stellenweise unter Wasser verläuft, ist das anders. Am Eröffnungstag nutzten fast 150.000 Menschen die Linie, ihre Frequenz wurde bereits erhöht. Langfristig rechnen die Betreiber mit 1,5 bis 2 Millionen Fahrgästen pro Tag. Zum Vergleich: Die Mumbaikar Nahverkehrszüge befördern täglich bis zu 8 Millionen Menschen im Umland in die Stadt und zurück. Sie sind günstiger, aber chronisch überfüllt.

Nachdenken über die sich verändernde Stadt

Die Aqua Line hat es außerdem bereits jetzt in die Buchläden geschafft. In „Mumbai: A Million Islands“ widmet sich Autor Sidharth Bhatia ihr gleich zu Beginn. Mit Wehmut beschreibt er, wie sehr sich die Räume, Erinnerungen und Geschichte von Indiens Wirtschaftsmetropole verändert haben.

Auch die Bäume in der Aarey Milk Colony mussten der Entwicklung weichen, nur ein Drittel der Ausgleichspflanzungen überlebte. Dennoch zeigt sich: [3][Die Metro spart langfristig Emissionen, die Taxifahrten in den alten Süden haben abgenommen.] Fahrer Pasi bemerkt das bisher kaum, er ist privat angestellt. Aber auch er sieht, wie sich die Stadt, in der er aufgewachsen ist, verändert hat.

Als Autofahrer bevorzugt er die neue Küstenstraße nach SoBo, die parallel zur Metro verläuft: Sie ist eben mehrspurig. Nicht alle Mumbaikar werden die Aqua Line in ihre Herzen schließen.

11 Jan 2026

[1] /Corona-in-Indien/!5767217

[2] https://taz.de/Abgehaengt-in-Indien-Slums-ohne-Zugang-zu-Wasser/!5957912/

[3] /Neues-Klimawandel-Ranking/!6047226

AUTOREN

Natalie Mayroth

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