taz.de -- Aufstiegschancen im Sport: Sich durchboxen

Der Schwergewichtsboxer Agit Kabayel hat sehr lange gekämpft, um den Respekt zu erhalten, den er verdient. Doch sein Kampf ist noch nicht zu Ende.

Bild: Der Stolz desjenigen, der es allen gezeigt hat: Agit Kabayel nach seinem Sieg über Damian Knyba, Januar 2026 in Oberhausen

Zu den ganz bekloppten Mythen des Sports gehört, dass hier jeder und jede eine Chance bekäme. Dass sich also, beispielsweise im Boxring, jeder Mensch durchsetzen könne, durchboxen sozusagen.

[1][Agit Kabayel] ist jetzt 33 Jahre alt, sein Profidebüt hat er 2011 gegeben, und jeder, der ihn schon einmal kämpfen sah, weiß, dass der in Wattenscheid aufgewachsene Sohn kurdischer Einwanderer ein in jeder Hinsicht exzellenter Boxer ist.

Er ist so gut, und vor allem: Er hat so viel Stehvermögen, dass er sich nach jahrelangem Rumschlagen im Jahr 2023 endlich in die Weltspitze durchsetzen konnte. Da bezwang er den als sehr stark eingeschätzten und bis dato ungeschlagenen Arslanbek Makhmudov aus Russland, dann besiegte er den Kubaner Frank Sánchez, bis dato auch ungeschlagen, und im Februar 2025 konnte er gar noch gegen den Chinesen Zhilei Zhang, der gerade erst den Weltklassemann [2][Deontay Wilder] bezwungen hatte.

Diese Informationen lassen sich auch kürzer ausdrücken: Agit Kabayel hat halt sehr lange warten müssen, bis er endlich eine Chance bekam. Und auch die Frage, wer sie ihm gewährte, ist zu leicht zu beantworten: Kabayels große Kämpfe fanden in Riad statt, wo das Regime von Saudi-Arabien mit enormem Einsatz versucht, Sportmacht zu werden.

Hier gibt es keinen halbwegs geordneten Markt der großen Namen, von denen Promoter und Fernsehanstalten Zugkraft erwarten, sondern das Event namens „[3][Riyadh Season]“ muss sich selbst noch behaupten und zeigen, dass hier großes Boxen stattfindet.

Der Junge aus Wattenscheid musste also warten, bis im Mittleren Osten sich ein Umbruch im Profiboxen vollzog, um sich beweisen zu können.

Das Beispiel Jack Johnson

So ganz neu ist das Phänomen der geschlossenen Ringe nicht. Das berühmteste Beispiel dürfte [4][Jack Johnson] sein, Schwergewichts-Champ von 1908 bis 1915. Der Afroamerikaner durfte und sollte keine WM-Kämpfe bekommen. Grund war ganz banaler rassistischer Ausschluss. Aber er akzeptierte das nicht: Johnson reiste dem amtierenden Weltmeister, dem Kanadier Tommy Burns, beinah um die ganze Welt nach. Zwei Jahre lang war er immer da, wo Burns war, und forderte ihn öffentlich auf, sich endlich zu stellen. Ende Dezember 1908 konnte Burns, nicht zuletzt wegen einer Börse, die damals etwa das war, was heute Saudi-Arabien aktuellen Spitzenboxern zahlt. Auch solchen, die sonst keiner möchte.

Ganz oben ist Agit Kabayel noch nicht. Am vergangenen Samstag schlug er den bis dahin ungeschlagenen Damian Knyba aus Polen. Das Fachmagazin [5][BoxingSzene] notierte nun über Kabayel, „sein jüngster Auftritt gegen Knyba lässt vermuten, dass die Schwergewichtsklasse ihn bald an der Weltspitze ernst nehmen muss“.

Sachlich ist das gewiss richtig, aber die spannende Frage lautet ja: Hat Agit Kabayel, dessen Titel „Interims-Weltmeister des Verbandes WBC“ lautet, immer noch das enorme Stehvermögen, das es braucht, um eine Chance zu bekommen?

Der naheliegende nächste Gegner müsste [6][Oleksandr Usyk] sein. Der Ukrainer gilt, was fürs Boxen ein ungewöhnlicher Befund ist, tatsächlich als aktuell bester Schwergewichtsboxer der Welt und ist bei der WBC der, wie sagt man? offizielle, richtige, gewollte Titelträger. „Ich denke, der Präsident des WBC wird mich zum Pflichtherausforderer für den WBC-Titel ernennen, und warum auch nicht?“, sagte Kabayel, nachdem er in Oberhausen Knyba besiegt hatte. Und er fügte hinzu: „Ich halte Usyk für einen der größten Kämpfer der Welt. Er ist einer der besten Boxer der Welt, er ist unbestrittener Weltmeister, aber wir werden sehen. Ich stelle mich der Herausforderung. Ich bin bereit.“

Da hat er die Haltung sehr schön ausgedrückt, die seinen sich erst so spät und sehr langsam durchsetzenden boxerischen Erfolg ausdrückt. Agit Kabayel nimmt das Boxen so ernst, wie er die anderen Boxer respektiert. Es ist die vielleicht einzige Methode, dem Mythos vom Sport, hier setzten sich per se immer die Besten durch, zu einem klein bisschen Wahrheit zu verhelfen.

12 Jan 2026

[1] /Boxer-Agit-Kabayel/!6140183

[2] https://taz.de/Wilder-Sieg-fuer-Wilder/!5486112/

[3] /Box-Spektakel-in-Saudi-Arabien/!5978026

[4] /Posthumer-Freispruch-fuer-Jack-Johnson/!5153972

[5] https://www.boxingscene.com/articles/agit-kabayel-reveals-two-fights-he-wants-and-the-one-he-doesnt

[6] /Symbolik-beim-Schwergewichtsboxen/!5873225

AUTOREN

Martin Krauss

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