taz.de -- Adipositas und Abnehmpillen: Eine Pille hilft nicht gegen Fehlanreize
Ungesunde Ernährung hat – wie das Rauchen und das Trinken – massive Konsequenzen. Statt Konsum sollte viel stärker der Verzicht propagiert werden.
Bild: Pillen gegen gesellschaftliche Normen müsse noch erfunden werden
Starkes Übergewicht ist jetzt noch leichter kurierbar – verspricht die Werbung. Den Wirkstoff der Abnehmspritze Wegovy gibt es seit dem 1. September auch als Tablette für rund 200 Euro im Monat in der Apotheke. Die in der Regel selbst zu zahlende Therapie ist aber vor allem eines: eine Verlagerung der Folgen gesellschaftlicher Fehlanreize auf den Einzelnen. Ungesundes Essen und Bewegungsmangel gelten neben Rauchen und Alkoholkonsum als Hauptursachen für vermeidbare Erkrankungen.
Die gesundheitlichen Folgen trägt der einzelne Mensch – die [1][finanziellen die Gemeinschaft der gesetzlich Krankenversicherten]. Die „Schuld“ an – oder je nach Partei auch die Freiheit zu – solch gesundheitsschädlichem Verhalten wird auf politischer Ebene häufig dem Einzelnen zugewiesen. Dabei tragen Gesellschaften, in denen zum Beispiel übermäßiger Zuckerkonsum normalisiert und Kinder entsprechend konditioniert werden, ganz klar eine Mitverantwortung.
Dagegen hilft auch keine Pille. Als eine der wirksamsten Strategien der Prävention gilt: Der gesündere Weg sollte der leichtere Weg sein. Darin politisch zu investieren ist nicht nur mit Blick auf überbordende Gesundheitskosten geboten, sondern auch eine Frage des gleichberechtigten Zugangs zu einem gesunden Leben. Wie schwer sich die Politik mit dieser Form der Prävention tut, zeigt schon die Diskussion um die Einführung einer Abgabe für [2][gesüßte Getränke, Stichwort Zuckersteuer].
In diese Lücke zielt letztlich auch das Angebot des Herstellers von [3][Wegovy], sich mit einer Tablette pro Tag schlanker und gesünder zu medikamentieren. Dabei ist klar: Ohne eine Änderung der Ess- und Bewegungsgewohnheiten ändert sich an der Ursache nichts, und nach Absetzen des Medikaments ist es mit der Wirkung unmittelbar vorbei. Für manche Patient*innen, die ärztlich gut begleitet werden, kann die Option der Abnehmpille oder -spritze sicher eine wertvolle sein. Von der politischen Verantwortung zu wirksamer Prävention darf sie aber nicht ablenken.
3 Sep 2026
LINKS
[1] /Alkoholpreise-in-Deutschland/!6044620
[2] /Zuckersteuer-Die-positiven-Effekte-sind-laengst-bewiesen/!6174987
[3] https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/neue-abnehmpille-wegovy-100.html
AUTOREN
Manuela Heim
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