taz.de -- 80. Jahrestag des Weltkriegsendes: Japans Regierung will sich nicht mehr entschuldigen

Der Regierungschef tut sich auch 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Pazifik mit Japans Kriegsschuld schwer.

Bild: Premierminister Shigeru Ishiba findet, Japan hat sich genug für die Gräueltaten und koloniale Geschichte entschuldigt

Tokiotaz | Trotz des runden 80. Jahrestages verzichtet Japan an diesem Freitag auf eine offizielle Erklärung zum Ende des Zweiten Weltkrieges im Pazifik. Am 15. August 1945 hatte Kaiser Hirohito Japans Kapitulation verkündet. Der heutige Premier Shigeru Ishiba gibt auch keine persönliche Erklärung am Jahrestag ab, wenn auch möglicherweise am 2. September, als Japan die Kapitulation unterzeichnete.

Damit bricht der Regierungschef mit der vor 30 Jahren begonnenen Praxis, dass das Kabinett zu jedem zehnten Jahrestag ein Statement veröffentlicht. 1995 hatte sich Tomiichi Murayama gegen viele Widerstände als erster japanischer Regierungschef „für Kolonialherrschaft und Aggression [1][von ganzem Herzen entschuldigt]“ und „tiefe Reue“ ausgedrückt.

Ishibas Verzicht überrascht, weil Japan sich in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik neu ausgerichtet hat. Er hätte dies anlässlich des 80. Jahrestags erklären können. Immerhin hat sich die Inselnation de facto von ihrer pazifistischen Außenpolitik, die sie als Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg darstellte, verabschiedet. Die Ausgaben für Verteidigung steigen bis 2027 auf zwei Prozent der Wirtschaftsleistung.

Tokio weichte auch das selbstauferlegte Verbot von Waffenexporten auf. Anfang August sicherte sich Mitsubishi Heavy Industries Japans ersten Rüstungsgroßauftrag seit dem Krieg und stach dabei die deutsche ThyssenKrupp Marine Systems aus. Der Konzern baut für umgerechnet 5,6 Milliarden Euro elf Fregatten für die australische Marine.

Rücksicht auf die Parteirechte

Mit seinem Schweigen nimmt Ishiba Rücksicht auf die Konservativen in der Regierungspartei LDP, um [2][nach der verlorenen Oberhauswahl im Juli] seine Posten als Regierungs- und Parteichef nicht zu gefährden. Die LDP-Rechten meinen, mit dem Statement von Shinzō Abe 2015 hätte Japan alles Notwendige zum Kriegsende gesagt.

Am 70. Jahrestag hatte Abe die Entschuldigungen seiner Vorgänger von Murayama 1995 und Junichiro Koizumi 2005 bekräftigt, aber weitere Abbitten abgelehnt: „Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Kinder, Enkel und sogar die noch künftigen Generationen, die mit diesem Krieg nichts zu tun hatten, durchgehend gezwungen sind, sich zu entschuldigen“, [3][sagte Abe].

Darin erkennt der Historiker Torsten Weber vom Deutschen Institut für Japanstudien eine „Schlussstrichmentalität“. „Aus deutscher Sicht wirkt sie wie eine Flucht vor der Verantwortung oder gar eine Leugnung der Schuld“, sagt Weber. Aber im ostasiatischen Kontext lasse sich diese Haltung durchaus nachvollziehen.

Viele Japaner sähen sich als Opfer überzogener Kritik aus China und Südkorea, die ihre Geschichte „nationalistisch und antijapanisch instrumentalisierten“. Eine Auseinandersetzung mit den Kriegsursachen und den eigenen Kriegsverbrechen würde auch zu einer kritischen Hinterfragung der Rolle des Tennos führen – ein Tabubruch für die breite Öffentlichkeit, so Weber.

Kritik an Premierminister Ishiba

[4][Ishiba sagte vorige Woche im Parlament], er müsste etwas veröffentlichen, egal in welcher Form, damit „die Erinnerungen an den Krieg nicht verblassen und wir nie wieder einen Krieg beginnen“.

Doch [5][die liberale Zeitung Asahi kritisierte] ihn dafür, aus Angst vor einer Anti-Ishiba-Bewegung in der LDP an dem historischen Datum zu schweigen. „Mit Murayama hatte Japan einen Premierminister, der bereit war, sein Amt zu riskieren, um eine solche Erklärung abzugeben“, schrieb die Zeitung. „Heute hat Japan einen Premierminister, der auf eine Erklärung verzichtet, um nicht aus dem Amt gedrängt zu werden.“

14 Aug 2025

[1] https://www.mofa.go.jp/announce/press/pm/murayama/9508.html

[2] /Oberhauswahl-in-Japan/!6101546

[3] https://japan.kantei.go.jp/97_abe/statement/201508/0814statement.html

[4] https://japannews.yomiuri.co.jp/politics/politics-government/20250805-273815/

[5] https://www.asahi.com/ajw/articles/15946512

AUTOREN

Martin Fritz

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