taz.de -- „Gen Z regelt“-Demonstrationen: Eine Bühne für die Unzufriedenheit

In Hamburg, Berlin und Erfurt bleiben die Proteste eher ruhig. Nur nach dem Ende der Kundgebungen werden mancherorts Böller oder Steine geworfen.

Bild: „Herz statt Merz“ fordern die Demonstrantinnen bei der Gen-Z-Demonstration am Samstag in Berlin

Da ist zum Beispiel Silvia Saß, 68, bunter Schal, die mit ihrem Mann gekommen ist. „Wir sind heute hier, weil wir Kinder und Enkelkinder haben, weil wir wollen, dass die jungen Leute ne ordentliche Bildung bekommen, dass sie ein lebenswertes Leben haben, damit keine Kinder in den Krieg ziehen müssen.“ Es sei ihre Verantwortung als Alte, [1][die Anliegen der Jugend] zu unterstützen.

Rund 10.000 Menschen folgten laut den Veranstaltenden dem [2][Aufruf von „Gen Z regelt“], die Polizei sprach von 6.000 bis 7.000 Demonstrantinnen und Demonstranten, daunter auch ältere Semester. Die Sprecherin der Demo, die als Catalina, auftritt, zeigt sich zufrieden. „Es wurde geschafft, der generellen Unzufriedenheit eine Bühne zu bieten.“ Und das, obwohl [3][der Hamburger Verfassungsschutz vor Linksextremen gewarnt und die Polizei Verwirrung gestiftet] hatte: Es lege keine Demo unter dem Namen „Gen Z regelt“ vor, nur eine „Gegen Wehrpflicht“, sagte ein Sprecher Ende der Woche. Dann verschwand Hamburg von der „Gen Z regelt“ Webseite. Gab es Stress? Nein: „Das war viel weniger dramatisch, als es von außen wirkte“, sagte Lina Friedrich, Sprecherin von „Gen Z regelt“ Deutschland der taz. Man habe nur keine Kapazitäten gehabt, die Demo in Hamburg zu organisieren. Trotzdem rief man zur Teilnahme auf wie bei den anderen Städten.

Es spricht viel dafür, dass der Internationale Jugendverband, eine sozialistische Gruppe, an der Orga in Hamburg beteiligt war. Ihr Logo ist auf Flyern zu sehen, die verteilt werden. Doch in der Masse gehen sie eher unter – genau wie rote Schlauchschals, das Signature-Zeichen marxistisch-leninistischer Gruppen.

Hamburgs Luxusmeile verbarrikadiert

Die Einzelhändler rund um den Startpunkt der Demo in der Mönckebergstraße, Hamburgs Luxuseinkaufsmeile, verbarrikadierten sich vorsichtshalber. Patek Phillippe hatte sogar die Außenuhren eingepackt und an den Gucci-Stores schraubten Arbeiter noch bis kurz vor Start der Demo. Am Vormittag lösten sie dabei laut Bild-Zeitung versehentlich Alarm aus. Am Ende bleiben alle Läden unberührt. Ein paar Meter weiter Rufe: „Hoch die internationale Solidarität“. „Hoch, die was?“, fragt ein Jugendlicher, der sich durch die Menge schiebt. Er ist nicht der Einzige, der nicht alle Sprechhöre auswendig kennt. Es sind viele Menschen da, die noch nie auf einer Demo waren.

Zum Beispiel Tobias, 18, und Nikita, 19, die sich als Dragonball-Charaktere verkleidet haben. „Wir sind hier, weil wir einfach dabei sein wollen“, sagt Tobias. Sie hätten die Demos in Frankreich gesehen und fänden die Forderungen von „Gen Z regelt“ gut. Sie hofften auf Demos wie in Frankreich, aber friedlicher. Man dürfe sein Recht auf Demonstration nicht verspielen, sind sie sich einig. Wieso sie vorher noch auf keiner Demo waren? „Wir hatten noch nicht so viel Zeit“, sagt Nikita.

Die ersten Pyros werden kurz nach Start gezündet, dann der erste Böller in der Menge. Es knallt laut zwischen den Häusern und mehrere Menschen erschrecken sich sehr. Die Polizist*innen bleiben vergleichsweise zurückhaltend, was auch an der Masse der Menschen liegen mag. Kurz muss die Demo stoppen, darf aber sofort weiter. Aus dem Lauti fordert eine Rednerin das Ende der Merz-Regierung. Viele nennen die Kürzungen der Bundesregierung als Grund, auf die Demo gekommen zu sein. So auch Joana Mandlhate, 32. „It’s giving Zukunftsangst“ steht auf ihrem Schild. Sie arbeite im Marketing, erzählt sie, habe zwei Jobs und könne sich trotzdem keinen Urlaub leisten. „Ich bin genervt, dass gesagt wird, dass wir faul sind, ich kann gerade so meinen Lebensunterhalt bezahlen, lebe nicht auf großem Fuß“.

Böller auf die Polizei

Dann kommt die Demo an ihren Endpunkt. Es ist eine breite Straße, am Rand ist Baustelle. Es ist kurz unklar, was noch passiert, ein bisschen ungläubig: „War’s das jetzt?“ Dann fliegen Flaschen und Holzteile in Richtung Polizei,vor allem geworfen von jungen Männern, einige vermummt, aber nicht alle. Ein paar nehmen Baustellenabsperrungen und stapeln sie. Böller zünden in kleineren Abständen. Die Polizei rennt in die Demo, kesselt einen Teil, zieht sich aber wieder zurück. Sehr junge Menschen, viele Flinta drängen sie mit Antikriegs-Transpi an den Rand.

Um 17 Uhr wird die Versammlung vom Lauti aus aufgelöst, dann brennen Bauzäune. Die Polizei bleibt nicht länger am Rand, treibt die Menschen auseinander, geht rigoros gegen überwiegend sehr junge Menschen vor. Ein Sprecher sagt, es seien Böller auf Polizist*innen geworfen worden.

Am Ende der Hamburger Demo fährt ein Wasserwerfer auf die Straße. Pfefferspray liegt in der Luft, eine dicke schwarze Rauchsäule steigt in den Himmel, es riecht nach verbranntem Plastik. Doch der Wasserwerfer kommt nicht gegen Menschen zum Einsatz, er löscht nur die brennenden Bauzäune, die auf der Straße im Stadtteil St. Georg liegen, später noch ein paar brennende Mülleimer und Müllsäcke, die Beamte daraufhin mit Schaufeln aus dem Weg räumen.

Nach der Demo knallt es auch in Berlin

Ähnlich verläuft der Abend in Berlin: Nach der durchgängig friedlichen „Gen Z regelt“-Demonstration am Brandenburger Tor mit 5 000 Teilnehmenden startete eine weitere Demonstration, angemeldet unter dem Namen „Gen Z hat genug“. Aufgerufen hatte dazu nicht die Berliner Organisation von „Gen Z regelt“, sondern das Offene Rote Treffen Berlin (ORT). Dieser zweite Protest mit etwa 3.500 Teilnehmenden verlief nicht ohne Gewalt.

Schon zu Beginn geben sich die Teilnehmenden deutlich kämpferischer, rufen Parolen wie „Erst im Kommunismus sind wir frei“ und „Bullen-Schweine. Mörder. Lügner“. Auf der Demonstration wehen Flaggen von den sozialistischen Gruppen ORT, Young Struggle und SDAJ (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend). Immer wieder werfen Einzelpersonen Pyrotechnik in Richtung der Polizei. Später eskaliert der Protest. Die Polizist*innen halten den Demozug auf, können aber nicht alle Wege kontrollieren. Das führt zu Gerangel, Festnahmen und Polizeigewalt. Während einer Festnahme schlägt ein Polizist mehrfach mit der Faust auf einen am Boden liegenden Demonstranten. Selbst ein schätzungsweise 14-jähriger Junge wird mehrfach von der Polizei heftig geschubst.

Gegen 19 Uhr beendet der Veranstalter den Protest selbst. Bis die Versammlung aber tatsächlich vorbei ist, vergeht eine weitere Stunde mit teils gewaltsamen Räumungen. Mehrere Demonstrant*innen werden verletzt. Die Polizei sagt der taz, dass Beamte mit Steinen beworfen worden seien.

In Erfurt bleibt es friedlich

In keiner anderen ostdeutschen Stadt haben sich so viele für den „Gen Z“-Protest angemeldet wie in Thüringens Landeshauptstadt. Mehr als 10 000-mal wurde laut der Website für den Erfurter Domplatz auf „Ich bin dabei“ geklickt. Doch 15 Minuten vor Beginn ist dort wenig zu sehen. Ein Banner gegen Krieg, eine Palästina-Fahne, ein Dutzend junger Menschen, die etwas unschlüssig herumstehen. Aber tatsächlich stehen sie am falschen Ort.

Tatsächlich beginnt die Demo ein paar hundert Meter entfernt am Anger, einem anderen zentralen Platz in der Stadt. Dort bilden wenig später mehrere hundert Menschen einen Kreis um einen kleinen Lautsprecher. Durch ein damit verbundenes Mikrofon halten mehrere junge Menschen kurze Reden. Es geht um Leistungsdruck in Schulen, wie die Vermögensverteilung die Bildungschancen beeinflusst, Ausbeutung, Klimakrise, Rassismus und gegen Wehrpflicht.

Die meisten Zuhörer:innen sind ebenfalls eher jung. Auch aus den hinteren Reihen bekommen die Redner:innen oft Applaus, obwohl sie dort kaum zu verstehen sind. Der Lautsprecher ist zu klein. Die Polizei beobachtet die Kundgebung mit etwas Abstand. Es sind verhältnismäßig wenige Beamte zu sehen, ihre Schutzhelme baumeln entspannt an den Gürteln. Über dem Protest von Gen Z flattern Fahnen der kleinen Kaderpartei MLPD als auch der anarchistischen Gewerkschaft FAU. Zwischen zwei Redebeiträgen skandieren die Teilnehmer:innen: „Nie wieder Wehrpflicht!“

Wegen Reformationstag geschlossen

Am Rande des Angers, durch die Straßenbahnschienen vom Protest getrennt, grölen sechs Personen etwas Unverständliches und packen dann zwei Deutschlandflaggen aus. Ganz nüchtern wirken sie nicht. Nun werden aber die Polizeibeamt:innen aktiv, schnellen Schritts schieben sie sich zwischen die Kundgebung und die sechs mit den Deutschlandfahnen.

Wenig später zieht die „GenZ“-Demo los und skandiert eine Parole nach der anderen. „Ganz Erfurt hasst die AfD“, „Friedrich Merz, an die Front, werd doch selber weggebombt“, „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!“ Verbarrikadierte Schaufenster? Nicht in Erfurt. Die meisten Geschäfte haben wegen des Reformationstags geschlossen. Aber aus den Restaurants heraus beobachten Passant:innen die Hunderten Demonstrant:innen, teilweise winken sie.

Die Polizei geht in der Spitze von bis zu 1 900 Teilnehmer:innen aus. Ohne Zwischenstopp oder Zwischenfälle ziehen die bis zum Hauptbahnhof. Nach der Abschlusskundgebung ist in Erfurt alles sehr schnell vorbei.

1 Nov 2026

[1] /Jugendproteste-Wer-ist-Gen-Z-regelt-und-was-wollen-sie/!6225282

[2] /Gen-Z-regelt-Berlin/!6225297

[3] /Polizei-ohne-Gnade-bei-den-Gen-Z-Protesten-Was-richten-solche-Drohungen-der-Politik-an/!6225351

AUTOREN

Amira Klute

Malte Steinmüller

David Muschenich

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