taz.de -- 1.708 Tage Krieg in der Ukraine: Eiserner Vorhang 2.0

Im nordukrainischen Wolhynien gab es einen regen Grenzverkehr. Seit 2022 sind alle Übergänge nach Belarus dicht, persönliche Verbindungen sind gekappt.

Bild: Verkäuferin Nina kann ihre Schwestern in Belarus nur noch telefonisch kontaktieren, seit die Grenzen zu sind

Wolhynien, im Nordwesten der Ukraine, ist eine wald- und wasserreiche Gegend, vor allem an der Grenze zu Belarus. Kurz vor Beginn des russischen Großangriffs habe ich dort auf dem Pripjat eine zweitägige Kajaktour unternommen. In den vergangenen Jahren haben sich selbst abgelegenste Gegenden der Ukraine schnell verändert, aber dort bewegten sich Einheimische noch immer in länglichen Booten fort, ganz wie die Gondolieri in Venedig.

Fünf Jahre später kam ich wieder in die Region, diesmal zu einem Treffen mit ukrainischen Grenzbeamten. Dabei musste ich unwillkürlich an damals denken – und bemerkte die Veränderungen. Zwar sind die russischen Truppen, die im Februar 2022 aus Belarus in die Ukraine kamen, sofort in Richtung Kyjiw weiter gezogen. Trotzdem spüren die Einheimischen die ständige Bedrohung durch ihre Nachbarn im Norden.

An der Grenze, an der die zwei Länder früher nur durch einen schmalen Sandstreifen getrennt waren, steht jetzt eine stacheldrahtbewehrte Betonmauer. Daneben sind noch Panzergräben und Panzerabwehr-Igel.

Die Grenzschützer haben viel getan, um den Belarussen zu zeigen, dass Angriffsversuche – mit Blick auf Alexander Lukaschenkos Aufrüstungsprogramm ein Risiko, vor dem gewarnt wird – kein Spaziergang würden. Dazu trägt auch die Natur bei: früher Touristenmagnet und auch heute noch wichtige Einnahmequelle für die Menschen vor Ort. „Ein Drittel der Grenze in unserer Region besteht aus Sümpfen und Flüssen“, erklärt Marharyta, eine Vertreterin der Grenzschutzbehörde.

Während früher die Einheimischen beim Suchen von Pilzen oder dem Sammeln von Beeren bis direkt an die Grenze herangehen konnten, ist das heute unmöglich geworden. Tafeln warnen vor Minen.

Seit dem 24. Februar 2022 gibt es auch keinen grenzüberschreitenden Autoverkehr mehr, die Übergänge sind geschlossen. Das hat berufliche, wirtschaftliche und familiäre Verbindungen unterbrochen.

„Ich will sie nicht mal mehr sehen“, sagt einer der Grenzschützer über seine belarussischen Kollegen, die er durch lange gemeinsame Arbeitsjahre gut kannte. Sie hatten noch versucht, mit den Ukrainern zu sprechen, nachdem sie ihr Versprechen gebrochen hatten, eine Invasion von belarussischem Territorium aus zu verhindern.

Familiäre Verbindungen unterbrochen

Die 56-jährige Nina zeigt auf ihr Handy: „Das ist die einzige Möglichkeit, mit meinen drei Schwestern zu sprechen, die in Belarus leben“, sagt die Frau, die in einem kleinen Dorfladen als Verkäuferin arbeitet. Fast alle Menschen in ihrem Dorf mit den traditionell blau gestrichenen Holzhäusern haben Angehörige in Belarus. Und die meisten von ihnen haben diese seit Jahren nicht mehr gesehen. Denn die Reise ins Nachbarland ist zu riskant und teuer.

„Früher war der Ort hier mal voller Belarussen“, sagt der 74-jährige Petro, sichtbar erfreut über die Möglichkeit zur Plauderei. Vor dem Krieg war das Dorf ein Zwischenstopp für Belarussen, die in der Ukraine günstig einkauften. Und für die Ukrainer, die zum Arbeiten nach Belarus fuhren. Heute fahren nur noch gelegentlich kleine Trecker durch den Ort, mit denen die Einheimischen Beeren aus den umliegenden Wäldern transportieren.

Kamikaze-Drohnen in nächster Nähe

Die Bedrohung und die Nachrichten über die Folgen russischer Angriffe halten alle in Atem. „Kaum hatte ich die Explosion gehört, saß ich schon im Keller“, erzählt der 79-jährige Wolodymyr, dessen Sohn in Belarus arbeitet, über den jüngsten Überflug von Kamikaze-Drohnen ganz in der Nähe.

Trotzdem lächelt er und hofft, dass die Belarussen es nicht wagen, anzugreifen: „Es gibt solche unter ihnen, die gegen die Ukraine sind. Doch die meisten sind vernünftiger.“ Und die Leute aus dem Dorf glauben: „Wenn sie doch angreifen, werden sie nicht weit kommen. Das werden unsere Jungs nicht zulassen.“

Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey

28 Oct 2026

AUTOREN

Rostyslav Averchuk

TAGS

Kolumne über leben

Schwerpunkt Krieg in der Ukraine

Recherchefonds Ausland

Belarus

Grenze

ARTIKEL ZUM THEMA

1.703 Tage Krieg in der Ukraine: Drohnensurren in der Stille der Natur

Bei einer Rafting-Tour im Gebiet Poltawa lernt unsere Autorin ganz neue Seiten der Ukraine kennen. Und zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen.

1.604 Tage Krieg in der Ukraine: Kindheit im Schatten der Frontlinie

Viele Kinder in der frontnahen Stadt Sumy im Nordosten der Ukraine leiden unter Angststörungen. Spielplätze und Schulen sind gefährliche Orte geworden.

1.598 Tage Krieg in der Ukraine: Ein Leuchtturm, tausend Kilometer vom Meer entfernt

Im Café Dsendsyk in Lwiw erschaffen Berdjansker tausend Kilometer vom Meer entfernt ihre Heimat neu. Und erinnern an das Schicksal der russisch besetzten Gebiete.

Proxied content from gemini://taz.de/%216223984 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216223984
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.