taz.de -- Zukunft des Nahverkehrs in Hamburg: Hamburger Senat will 17 Buslinien für die U-Bahn killen
Ein Gutachten zur Wirtschaftlichkeit der neuen U-Bahn-Linie U5 rechnet mit dem Abbau von 17 Buslinien. Das bedeutet weitere Fußwege für ÖPNV-Fahrgäste.
Bild: Die Großbaustelle U5 kostet Einschnitte beim Busnetz
Nach Plänen des Hamburger Senats sollen für die neue Bahnlinie U5 ganze 17 Buslinien wegfallen. Die Linksfraktion hatte unlängst mit [1][einer Studie kritisiert], dass die Senatsprognose von einer halben Million Fahrgästen pro Tag auf der neuen Bahnlinie unrealistisch hoch sei. Der rot-grüne Senat schrieb dazu in einer Drucksache, diese Rechnung berücksichtige ein „angepasstes Busliniennetz“. Nachzulesen ist sie in der [2][„Nutzen-Kosten-Untersuchung für die U-Bahn-Linie U5“], die Hamburgs größtem Verkehrsprojekt die Wirtschaftlichkeit bescheinigt. Dort wird deutlich: Dieser Rechnung fallen 17 Buslinien zum Opfer.
Ein positives „Nutzen-Kosten-Verhältnis“ ist wichtig, damit die U-Bahn vom Bund gefördert wird. Der Faktor beträgt nun 1,23, das heißt, jeder ausgegebene Euro fließt 1,23-fach zurück. Damit hat Hamburg zumindest formal die Chance, die [3][immensen Kosten] über das [4][Gemeindefinanzierungsgesetz] erstattet zu bekommen. Rund 12,1 Milliarden Euro soll die noch im [5][Planungsstadium] befindliche „U5-Mitte“ von der Jarrestraße bis zum Volkspark kosten. Bis zu 75 Prozent, also neun Milliarden Euro, könnte der Bund zahlen. Allerdings sind die Bundesmittel begrenzt, von 2030 bis 2040 stehen für ganz Deutschland nur rund 48,4 Milliarden Euro für solche Projekte bereit. Da die Konkurrenz groß ist, ist fraglich, ob Hamburg allein für die U5 so viel Geld bekommt.
Zurzeit ist der erste Abschnitt „U5 Ost“ von Bramfeld in die City Nord im Bau. Der rot-grüne Senat versucht Hamburgs Bevölkerung die U-Bahn dadurch schmackhaft zu machen, dass die Menschen schneller an ihr Ziel kämen, etwa in 13 Minuten von Lokstedt zum Hauptbahnhof. Nur ist für die Frage, ob es wirklich schneller geht, entscheidend, wie nah die Fahrgäste an einem der 24 geplanten U-Bahnhöfe wohnen oder arbeiten. Sollten sie einen längeren Weg haben, [6][brauchen sie den Bus], der sie hinbringt.
Kahlschlag östlich der Alster
Doch da wird es problematisch, denn das Busliniennetz wird erheblich ausgedünnt. Wegfallen soll zum Beispiel die Metrobuslinie 5 vom Lokstedter Siemersplatz in Richtung Hauptbahnhof. Wer von diesem Platz in die U-Bahn will, muss aber erst mal einiges laufen. Wegfallen soll dort auch die Linie 22 von Stellingen zum Siemersplatz. Auch führt die Buslinie 281 nicht mehr zum Haupteingang des Uniklinikums Eppendorf (UKE), weil auf dem Gelände die U5 halten soll. Auch die Metrobuslinie 4 vom Bezirksamt Eimsbüttel in die City soll entfallen.
Kräftig ausgedünnt wird auch der Busverkehr östlich der Alster. „Gesamtlinie entfällt“, heißt es zur Metrobuslinie 6, die derzeit von der Speicherstadt via Hauptbahnhof die Wohngebiete östlich der Alster bis zum Borgweg abfährt. Auch für weitere Linien rund um Barmbek, Bramfeld und Steilshoop steht in der Tabelle das Kreuz bei „Entfall“. Etwa die Linie 172, die von der Mundburger Brücke nach Barmbek fährt. Oder die Linie 17 von Barmbek zum Rathaus.
Die Bewohner Winterhudes können zwar mit den U-Bahn-Stationen Jarrestraße und Beethovenstraße auf eine attraktive Anbindung hoffen. Doch für die Anwohner der dazwischen liegenden Bushaltestellen wie Bachstraße, Schumannstraße und Mozartstraße dürfte es weite Fußwege geben, die Zeit kosten. „Selbst der langsamste Bus ist noch viermal schneller als ein Fußgänger“, sagt dazu der Verkehrsexperte Dieter Doege, der die Studie für die Linke erstellt hat.
Das Gutachten basiert auf dem Fahrplan von 2020. Ein Teil der 17 Linien heißt inzwischen anders oder existiert schon nicht mehr. So ging die Schnellbuslinie 37 in der Metrobuslinie 18 auf. Auch die Buslinien 166 und 173 wurden eingestellt. Und die für die Großsiedlung Steilshoop wichtige Linie 7 soll laut der Liste in Zukunft nicht mehr nach Wandsbek Markt führen, wohin sie bisher aber auch nie führte. Laut Verkehrsbehörde war mal deren Verlängerung dahin geplant. Es handele sich bei der Nutzen-Kosten-Analyse um „fiktive Zukunftszustände“, die miteinander verglichen würden, erklärt eine Sprecherin.
13 Millionen Euro sollen beim Buspersonal gespart werden
Die Linke-Verkehrspolitikerin Heike Sudmann bat den Senat in einer Kleinen Anfrage, einmal aufzulisten, welche Buslinien und wie viele Stopps nach aktueller Planung wegfallen sollen. Doch [7][in der Antwort] weicht der Senat aus und nennt weder Linien noch Zahlen. Grundsätzlich achte man darauf, möglichst viele Bushaltestellen auch künftig mit einem „Grundangebot“ zu bedienen, schreibt er. Die in dem Gutachten getroffenen Annahmen zum Busangebot hätten „keine Bindungswirkung“.
Also alles halb so wild? Die Nutzen-Kosten-Rechnung preist allerdings ein, dass Bus-Personal im Umfang von 13,1 Millionen Euro gespart wird. Auch wird berechnet, dass im Gegenzug zum Kauf der 37 U-Bahn-Züge in den kommenden Jahren 97 Busse weniger durch Neukauf ersetzt werden müssten.
Auch rechnet das Gutachten bei den Unterhaltskosten ein, dass Hamburgs Busse jährlich 4,8 Millionen Kilometer weniger fahren. Doege hat errechnet, dass die Metrobuslinie 6 mit ihrer Strecke von 7,4 Kilometern im Jahr rund 540.000 Kilometer fährt. Da bedeute die Einsparung von 4,8 Millionen Kilometern die ersatzlose Streichung des 9-Fachen dieser Metrobuslinie, „also ingesamt 66 Kilometer Buslinienstrecke“. Dies wäre angesichts von nur 26 Kilometern neuer U-Bahnlinie „extrem viel“, sagt Doege. Die 40 Kilometer Differenz müssten die Fahrgäste durch längere Fußwege ausgleichen.
„Langsam kommt die Katze aus dem Sack. Die U5 wird zur Totengräberin von weiterhin dringend benötigten Buslinien“, kommentiert die Linken-Abgeordnete Sudmann die Pläne. So würde zum Beispiel mit dem Metrobus 6 eine viel genutzte Linie wegfallen, obwohl sie weit von der neuen U-Bahn entfernt liegt. Der Senat versuche die Kürzungen im ÖPNV herunterzuspielen, um den zu erwartenden Protest in die 2030er Jahre zu vertagen, sagt Sudmann. „Er müsste aber heute den Hamburger*innen klar sagen, welche Verschlechterungen auf sie zukommen, wenn die U5 fertig gebaut würde.“
21 Oct 2026
LINKS
[1] /Nahverkehrsplaene-in-Hamburg/!6203748
[2] https://daten.transparenz.hamburg.de/Dataport.HmbTG.ZS.Webservice.GetRessource100/GetRessource100.svc/133a0498-cb6e-4671-9f48-378ee1b1ce2c/Akte__743.8451-400_008.pdf
[3] /Teure-Verkehrwende-in-Hamburg/!5958286
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz
[5] /Hamburger-U-Bahn-Bau-wird-teurer/!5933528
[6] https://www.nimmbus.de/frame.php?doc=busliniennetz.htm
[7] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/lib/pdfjs/web/viewer.html?locale=de-DE&file=https%3A%2F%2Fwww.buergerschaft-hh.de%2Fparldok%2Fdokument%2F105538%2F23_05612_entfallen_mindestens_17_buslinien_abschnitte_nach_der_fertigstellung_der_u5#pagemode=none
AUTOREN
Kaija Kutter
U-Bahn Hamburg
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Bus
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