taz.de -- Urheberrecht und KI-Influencer: Credit, bitte!

Die KI-generierte Internetpersona Jean Philanthrope kopierte eine Choreografie, ohne den Urheber Doyah Treize zu nennen. Im Netz wird gefordert, ihn zu nennen.

Bild: Jean Philanthrope: Die KI-Figur ist Abzocke

Eine KI-generierte Internetpersona mit dem Namen Philanthrope … ist das nicht zynisch? Seit Wochen treffe ich ihn täglich in meinem Feed: Jean Philanthrope. Jean, der „Menschenfreund“, sähe beinahe menschlich aus, hätte er nicht dieselbe Frisur wie Lord Farquaad aus „Shrek“. Binnen Tagen hatte Phil, so sein Kosename im Netz, über 200.000 Instagram-Follower und Millionen Views. Wer ihn initiiert hat und warum, ist unbekannt. Fest steht nur, dass er mit einem Meme-Coin, einer Kryptowährung, in Zusammenhang stand.

Jüngst hat Phil einige Empörung auf sich gezogen, als er eine Choreografie des Tänzers Doyah Treize übernahm, ohne den Urheber zu nennen. Von Anfang an wurde KI als Diebstahl von künstlerischen Arbeiten betrachtet. In diesem Fall hat dies aber eine neue Dimension angenommen; und vielleicht ist es auch ein Anzeichen, wohin sich unser Verständnis von Werk und Autorschaft entwickeln wird.

Ein Tänzer hat über Jahre eine eigene Technik entwickelt, Zeit und Geld in seine Fähigkeiten investiert und auf einer Bühne performt. Nun wird dieser Tanz mit wenigen Klicks von einer KI-Persona reproduziert, erreicht ein Millionenpublikum und schöpft damit Aufmerksamkeit und kommerziellen Wert ab – wohingegen die meisten Profis immer prekärer leben. In [1][Reaction Videos] wird deshalb gefordert, Tanz und Performance als geistiges Eigentum zu betrachten und nicht nur die Aufzeichnungen, sondern auch die Bewegungen selbst urheberrechtlich zu schützen.

Man sieht etwas, probiert es selbst, verändert es

Das ist nachvollziehbar. Aber zugleich lässt sich einwenden, dass das Nachahmen von Tänzen sowie Memes das Grundprinzip sozialer Medien sind. Die Kommunikationswissenschaftler Diana und David Zulli nennen sie „imitation publics“, also Öffentlichkeiten, die über das Nachmachen von Inhalten entstehen. Man sieht etwas, probiert es selbst, verändert es, gibt es weiter, nicht zuletzt in der Hoffnung, mit der eigenen Version die nächste anzustoßen.

So einfach ist es aber selbstverständlich nicht. Auch in einer Kultur der Nachahmung macht es einen Unterschied, wer wen imitiert. Ich habe unzählige KI-Versionen der [2][Kult-Choreografie zu „Storm II“ von Gener8ion] gesehen, ohne dass mich eine davon gestört hätte. Das Original war so bekannt, dass es als Referenz durch die Kopien geisterte und die Band dafür gewürdigt und auch finanziell belohnt wurde.

Bei vielen Volkstänzen und Meme-Formaten ist es anders. Sie werden über lange Zeit von vielen Menschen weitergegeben und verändert; einzelne Urheber stehen dabei selten im Vordergrund. In der professionellen Kunst dagegen hängen seit Jahrhunderten Anerkennung und Einkommen an einem Namen.

Das Artefakt eines anderen respektieren

Daraus folgt für mich kein Entweder-oder. Entweder freie Zirkulation oder individuelle Würdigung. Formen sollten adaptiert und verändert werden können. Doch wo aus einer konkreten künstlerischen Arbeit Aufmerksamkeit und Geld entstehen, sollten die Künstlerïnnen daran beteiligt werden. Genau das fordert die Netzcommunity nun im Fall von Doyah Treize, indem sie ihn nennen und das Original verlinken.

Durch generative KI wird das Ungleichgewicht zusätzlich verkompliziert. Ein Meme mag seine Herkunft vielleicht nur halb erinnern, aber die Referenz bleibt erhalten. Diese Referenz ist mehr als ein Herkunftsnachweis. In ihr artikuliert sich eine Beziehung, innerhalb derer etwas als das Artefakt eines anderen respektiert wird.

Bei generativer KI sind die Vorbilder in den Trainingsdaten zwar vorhanden, verschwinden aber aus dem Ergebnis. Das Modell zerlegt und setzt sie neu zusammen. Das ist das Gegenteil der frühen Utopie des Internets, wie sie Ted Nelsons Projekt „Xanadu“ verkörperte und in der Wissen und Bilder durch Links miteinander verbunden und ihre Wege nachvollziehbar werden sollten. Das KI-Erzeugnis wirkt eher wie ein Kondensat; es enthält die Spuren vieler, zeigt aber kaum, woher sie stammen. Es respektiert Urheber selbst dann nicht, wenn sie einen Anspruch erheben, ja verwischt die Spuren so stark, dass Urheber gleich mit ausgelöscht werden.

13 Oct 2026

[1] /Reaction-Videos-auf-Reality-TV/!6054539

[2] https://www.youtube.com/watch?v=w0T83nZDOEc

AUTOREN

Annekathrin Kohout

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Kulturkolumnen

Kolumne Feed Interrupted

Schwerpunkt Künstliche Intelligenz

Choreografie

Urheberrecht

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