taz.de -- Mit Goethe-Blick: Warum sich Besuche bei ÄrztInnen lohnen
Sogar eine leichte Sehschwäche ist manchmal für etwas gut. Wer hätte gedacht, dass ein Termin zur Untersuchung dem Tag so eine schöne Wendung geben kann?
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C. kommt aus dem Sprechzimmer, als ich die Zettel für Neupatientinnen ausfülle. Wir bequatschen, nach meiner Untersuchung Eis zu essen. „Wie nett“, bemerkt die Ärztin – ich hatte auf die Frage, wie ich die Praxis gefunden habe, C. genannt – „Sie haben sich hier verabredet!“ Es muss so aussehen, unser Treffen ist aber Zufall.
Am Eistresen dann passen C. und ich einen günstigen Moment ohne Warteschlange ab. Wir schlemmen drei Kugeln im Becher, „Vanille mit Karamell, himmlisch“, fast wespenfrei. Schlendern weiter und landen in einem Räucherstäbchen-Schnickschnack-Laden, gekobert von einer Frau vor der Tür, die im Tageslicht mit Handspiegel überprüft, ob ihr der grüne Schal steht. Ich rate ihr zu Rot, derweil C. in Elster-Manier drinnen die Schmuckvitrine sondiert. Dabei fliegt ein in Silber gefasster dunkelblauer Stein auf meinen Finger, „Ich schulde dir ein Geburtstagsgeschenk, im April hatte ich nur Blumen mitgebracht.“
Der Ringkauf besiegelt das Streichen einer mir bisher unbekannten Forderung. Ein paar Schritte über die Straße, in einer Papier-Boutique, erwirbt C. einen gelben A5-Block mit Rechenkästchen, hergestellt mit einer speziellen Druckmaschine. Die Mathematikerin peilt die Kosten pro Blatt und behält das Ergebnis für sich. Kommentare zu meinem neuen Wochenplaner erübrigen sich auch. Ein paar Türen weiter drehen wir Ständer mit Postkarten. Eine davon werde ich ihr schicken, als Dankeschön für den Ring.
Am nächsten Morgen bei einer Routineuntersuchung der Augen, die ich schon absagen wollte, weil ich wieder Kleingedrucktes ohne Brille lesen kann, erfahre ich: „Sie profitieren gerade vom Goethe-Blick: Ihr linkes weitsichtiges Auge gleicht die Kurzsichtigkeit des rechten aus.“ Das Fazit: Meine Zeit für Dichtung und Wahrheit ist jetzt. Und ÄrztInnen-Besuche lohnen.
13 Oct 2026
AUTOREN
Silke Mohr
Kolumne Szene
Alltag
Freundschaft
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