taz.de -- Die Wahrheit: Die ewige Straße
Brasilianisches Dickicht: Auf rumpeligen und unbefestigten Pisten fährt es sich nicht gut. Außer man ist in der Politik und im bequemen SUV unterwegs.
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Sogar im Süden von Bahia, mitten im notleidenden Nordosten Brasiliens, muss sich dringend anstrengen, wer nach zwei Jahren Amtszeit nur eine erfolgreiche Fettabsaugung am eigenen Bauch vorzuweisen hat. „Ich bin die Mutter der Straße!“, juchzt deswegen die Bürgermeisterin von Uruçuca auf Instagram. Ihre Fettabsaugung, so behaupten manche, habe das Volk den Karneval gekostet. An den tollen Tagen hätten auf dem Dorfplatz nur lahme Provinzbands gespielt. Ein Versprechen muss also her! Leider will der Bürgermeisterin nur die Regionalstraße BA 653 einfallen. Die verbindet 28 Jahren schon die Kreisstadt mit dem Strand.
Jene olle Kamelle ist seither eine unbefestigte Lehmtrasse. Im Sommer gut für Staublungen und bei Winterregen noch besser für Rutschpartien mit Blick auf atlantischen Regenwald – inklusive tödlichen Abrutschmöglichkeiten. Abrutschen können hier vor allem Bauern mit ihren Mopeds. Lokalpolitiker fliegen in von Steuergeldern finanzierten Geländewagen dagegen über die schnöde Realität hinweg, dass der Lehm nur so auf die Bauern spritzt.
Kurz vor Wahlen sorgen sich die Kandidaten und -innen immer sehr um die Bespritzten. „Ich werde diese Straße befestigen“, versprechen sie alle Wahljahre wieder. „Die anderen lügen, aber ich mache sie jetzt. In echt“, beteuern sie. Nach einer Weile beginnen die Bauern dann jedes Mal zu träumen. Weil es so schön wäre, ihre Kinder hätten nicht dauernd schulfrei, da der Schulbusfahrer nicht dauernd durch den Schlamm schlittern will. Es wäre auch was, man könnte Opa im Notfall rechtzeitig vorm Exitus zur Krankenstation bringen. Aber daraus wird nichts, denn den Versprechungen folgt hier im Süden von Bahia regelmäßig: nichts.
Immer weiter mit der Leier
Dutzende Jahre geht das jetzt so. Nutzt sich die Leier nicht allmählich ab? Von wegen. Dieses Mal ist sogar der Gouverneur im Helikopter eingeflogen und auf dem Fußballplatz gelandet. Weil er im Oktober wieder gewählt werden will, durfte ihn die „Mutter“ der Straße öffentlich als „Vater“ derselben präsentieren. Und damit quasi heiraten. 50 Millionen brasilianische Reais an Investitionen hat der frisch Gebackene vor Zeugen versprochen. Diesen April sollte die Ausschreibung beendet, im Mai Baubeginn und vier Monate später – also jetzt – alles fertig sein. Aber es passierte wie immer: nichts.
Seit ein paar Tagen nun hüpft die Bürgermeisterin freudig in Instagram-Videos vor Baggern herum, die an ersten Metern der Straße werkeln. Mindestens ein halbes Dutzend Zähne müssten sie zulegen, um bis zur Wahl fertig zu werden. Mein Tipp: statt Asphalt ein bisschen Drainage, ein bisschen Rollsplitt-Befestigung. Das geht schnell. Und es bliebe Geld für den nächsten Karneval übrig! Doch die Bürgermeisterin jetzt so: „Die Befestigung wird in zwei Jahren fertig, diesmal aber ganz in wirklich echt.“ Ein Schelm, wer bedenkt, was in zwei Jahren ist. Richtig: Kommunalwahl.
23 Sep 2026
AUTOREN
Christine Wollowski
Kolumne Die Wahrheit
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