taz.de -- Argentinien unter Milei: Geschwächte Opposition beim „Marsch des Zorns“

Die peronistische Opposition samt Gewerkschaftsverband CGT bleibt dem Protest linker Parteien und Organisationen gegen die Regierungspolitik fern.

Bild: Demonstrierende recken beim Marsch des Zorns in Buenos Aires die Fäuste gegen die Politik von Präsident Javier Milei

In Argentinien haben am Samstag zehntausende Menschen gegen die Politik der Regierung von Präsident Javier Milei protestiert. Bei einem „Marsch des Zorns“ gingen sie in zahlreichen Städten auf die Straßen. In der Hauptstadt Buenos Aires waren es etwa 30.000.

„Heute versammeln wir uns auf der Plaza de Mayo und mobilisieren uns im ganzen Land, um einem Zorn Ausdruck zu verleihen, der von unten wächst“, heißt es in der Erklärung. Aufgerufen hatten linke Parteien und Organisationen, Gewerkschafts- und Basisgruppen, Studierenden- und Rentnerorganisationen.

Zwar zeigten sich die Veranstalter mit der Teilnehmendenzahl zufrieden, doch selbst auf der Plaza de Mayo blieben Lücken. Parteien und Organisationen der peronistischen Opposition blieben dem Marsch fern wie auch [1][die großen Gewerkschaften, die im Dachverband CGT zusammengeschlossen sind]. Dafür bekam die CGT ihr Fett weg: „Ihr Pakt [mit der Regierung] erlaubte es Milei, mit seiner Kettensäge vorzurücken“, und habe die umstrittene Arbeitsrechtsreform erst ermöglicht, hieß in der Erklärung.

Auch viele der inzwischen enttäuschten Milei-Wähler*innen blieben offensichtlich zu Hause. „Für sie gibt es bislang kein überzeugendes politisches Angebot“, sagt [2][Martín D’Alessandro, Politologe und Dozent an der Universität Buenos Aires]. Es sei gut möglich, dass sich in den kommenden Monaten eine neue Kraft aus Teilen der größeren und kleineren Parteien herausbildet.

„Mileis Wiederwahl ist wahrscheinlich, aber nicht sicher“

„Diese Mobilisierung muss der Ausgangspunkt sein, um alle Kämpfe zu vereinen und um einen echten Generalstreik vorzubereiten, der Mileis Wirtschaftsplan vereiteln soll“, erklärte [3][Myriam Bregman], die den Marsch wesentlich mitorganisiert hatte. Die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der trotzkistischen Arbeiterpartei für den Sozialismus erreicht seit Monaten die höchsten Sympathiewerte in den Umfragen.

„Bregman profitiert von der Krise der traditionellen Politik. Milei selbst ist ja ein Produkt dieser Krise“, sagt Politologe D'Alessandro. Auch Wähler, die früher niemals für eine trotzkistische Linke gestimmt hätten, seien heute aus Protest bereit, Bregman zu unterstützen. Eine realistische Chance auf die Regierungsübernahme sieht er für sie allerdings nicht.

Dennoch: „Mileis Wiederwahl im kommenden Jahr ist zwar wahrscheinlich, aber keineswegs sicher“, sagt D’Alessandro. Die Regierung stehe in den Umfragen schlechter da als vor einem Jahr. Entscheidend werde sein, ob die wirtschaftliche Stabilisierung auch im Alltag der Menschen ankomme. Es reiche nicht mehr, auf die gesunkene Inflation und immer neue Exporterfolge zu verweisen. „Die Menschen wollen spüren, dass es ihnen besser geht“, so D’Alessandro.

Doch davon sind viele immer weiter entfernt. Immer mehr Menschen können mit ihrem Einkommen den Alltag nicht mehr finanzieren und nehmen Kredite auf. [4][Schon jetzt können viele ihre Schulden nicht mehr bedienen.] Davon betroffen sind fast 6 Millionen Menschen, rund 12,5 Prozent der Bevölkerung.

Auch auf dem Arbeitsmarkt verschärft sich die Lage. Laut Statistikamt Indec stieg die Arbeitslosenquote im zweiten Quartal 2026 zwar nur leicht von 7,6 auf 7,9 Prozent. Sie liegt damit jedoch so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr. Zugleich nahm die informelle Beschäftigung von 43,2 auf 45,1 Prozent zu und erreichte damit den höchsten Wert der Statistik, die aber erst seit 2023 geführt wird.

Prekäre Arbeitsverhältnisse nehmen weiter zu

Der Anteil der formell Beschäftigten sank dagegen von 56,8 auf 54,9 Prozent. Insgesamt arbeiten inzwischen 10,2 Millionen Menschen informell, während 12,5 Millionen im formellen Sektor beschäftigt sind. Der Rückgang registrierter Arbeitsplätze und die Verschiebung hin zu prekären Beschäftigungsverhältnissen setzen sich damit im dritten Amtsjahr Mileis fort.

Zum Abschluss des Marsches wurde der Song „La Marcha de la Bronca“ (Der Masch des Zorns) gesungen. [5][Das 1970 komponierte Lied] gehört zu den bekanntesten Protestliedern der argentinischen Rockgeschichte. Es handelt von Frustration, Ungerechtigkeit und dem Zorn über die Machthabenden. Sein Text ist hochaktuell und gab der Demonstration am Samstag ihren Namen.

20 Sep 2026

[1] /Proteste-in-Argentinien/!6139902

[2] /Argentinien-unter-Javier-Milei/!6001265

[3] /Wahlen-in-Lateinamerika/!6181944

[4] /Argentinien-unter-Milei/!6209383

[5] https://www.youtube.com/watch?v=Zh_RIE_N8iQ

AUTOREN

Jürgen Vogt

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