taz.de -- Sport und Regime und Russland: Ihr müsst das nicht tun

Eishockey-Star Alexander Owetschkin macht Wahlwerbung für den Kriegsverbrecher Putin. Serbiens Volleyballerinnen zeigen, wie es mutig und anders geht.

Bild: Sport und athletische Leistungen sind ein perfektes Match für autoritäre Propaganda, hier Alexander Owetschkin für Russland

Alexander Owetschkin ist einer der bekanntesten Eishockeyspieler der Welt. Keiner hat in der US-Profiliga NHL mehr Tore erzielt als der russische Stürmer. Seit er seinen Klub, die Washington Capitals, 2018 zum Titel geschossen hat, wird er in der Hauptstadt der USA beinahe wie ein Heiliger verehrt.

[1][Noch größer für ihn ist die Verehrung in seiner russischen Heimat]. Ein Sportportal bezeichnete den 17. September 1985, an dem Owetschkin in Moskau zur Welt gekommen ist, nun gar [2][als historischen Tag]. Nur allzu gern schmückt sich die politische Elite des Landes mit dem ruhmreichen Sportstar.

Jüngstes Beispiel für die propagandistische Kraft des Sports ist [3][ein Werbevideo des russischen Außenministers Sergei Lawrow], mit der er um Stimmen für die Putin-Partei „Einiges Russland“ bei den bis Sonntag laufenden Parlamentswahlen wirbt. Obwohl Owetschkin neben anderen Promis aus Politik, Medien und Kultur nur in zweiter Reihe steht, während Lawrow die Zuschauenden auf den Wahlslogan „Wenn wir einig sind, sind wir unschlagbar“ einschwört, war er der absolute Hingucker.

Owetschkin ist ein erfahrener Propagandist. 2017 gründete er ein „Team Putin“ und versammelte darin Sportler, die auf diese Weise ihre Unterstützung für Wladimir Putin vor den Präsidentschaftswahlen 2018 zum Ausdruck brachten. Wie kein Zweiter versteht er es, Fragen nach seiner Meinung zum verbrecherischen Krieg Russlands gegen die Ukraine auszuweichen.

Den Überfall feiern

Und wenn ihm, wie nun nach dem Werbespot, [4][Kritik aus den USA] entgegenschlägt, weiß er eine Armee von ehemaligen Sportlern hinter sich, die als Abgeordnete für „Einiges Russland“ in der Staatsduma, dem Parlament der Russischen Föderation, sitzen. Die Kritik spiegele nur die im Westen übliche Russophobie wider, meinte etwa Wjatscheslaw Fetissow, ein ehemaliger Eishockeyheros, der seit 10 Jahren Duma-Abgeordneter ist.

Es sind dies die kleinen alltäglichen Propagandaschlachten, die mithilfe des Sports geführt werden. Sie sind für Wladimir Putin ebenso wichtig wie die Auftritte von Olympiasiegern bei den ganz großen Propagandaevents wie dem zum Jahrestag der Annexion der Krim im März 2022 im riesigen Luschniki-Stadion von Moskau, bei dem es auch darum ging, den gerade erfolgten Angriff auf die Ukraine zu feiern.

Wie gern Staatenlenker sportliche Erfolge dazu nutzen, um die Stärke der eigenen Nation zu belegen, lässt sich beinahe überall auf der Welt beobachten. Die Weihespiele zum Ruhm der herrschenden Partei, die bei Olympia 2008 und 2022 in Peking zu bestaunen waren, sind prominenteste Beispiele dafür.

Der Auftritt der US-Eishockeymannschaft mit ihren Ende Februar in Mailand gewonnen olympischen Goldmedaillen bei Donald Trumps Rede zur Lage der Nation im Kapitol gehört in dieser Hinsicht gewiss zu den finstersten Propagandaauftritten von Sportlern in diesem Jahr.

Der Mut der Serbinnen

Nur allzu oft lassen sich Sportlerinnen für derartige Auftritte zum Lob der Nation instrumentalisieren. Auch in Deutschland sollen Sportlerinnen und Sportler vor allem zum Ruhm des Vaterlands Medaillen erringen.

[5][Im frisch vom Bundestag verabschiedeten Sportfördergesetz] heißt es zum Sinn der staatlichen Unterstützung des Spitzensports: „Auf diese Weise soll die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands sowie die gesamtstaatliche Repräsentation im In- und Ausland gestärkt werden.“ Freundlich mag man das mit dem Wort Nationalmarketing umschreiben. In Zeiten des anschwellenden Nationalismus im Land kann daraus jedoch schnell genau das werden, was mit Blick auf Russland zurecht als finstere Propaganda beschrieben wird.

Sich als Sportlerin davon freizumachen, erfordert gewiss großen Mut. Solchen haben die Spielerinnen der serbischen Volleyballnationalmannschaft gezeigt, als sie ihrem Staatspräsidenten Aleksandar Vučić jüngst den Applaus verweigert haben.

Der hatte zu einem Empfang geladen, nachdem die Serbinnen Bronze bei der Europameisterschaft gewonnen haben, und wollte sich dafür feiern lassen. Mit gesenkten Köpfen marschierten die Sportlerinnen dann auch noch an dem konsterniert dreinblickenden Präsidenten vorbei. Diese Szene sollte in keinem seriösen Rückblick auf das Sportjahr 2026 fehlen.

18 Sep 2026

[1] /Sport-in-Russland/!6101960

[2] https://sportmail.ru/article/hockey-nhl/72308726/

[3] https://x.com/vottak_tv/status/2099439117335478742?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E2099439117335478742%7Ctwgr%5E8e62a7a01307a8e58a6f04e08a7818c34dd976ed%7Ctwcon%5Es1_&ref_url=https%3A%2F%2Fmeduza.io%2Ffeature%2F2026%2F09%2F15%2Fhokkeist-aleksandr-ovechkin-luchshiy-snayper-nhl-snyalsya-v-agitatsionnom-rolike-edinoy-rossii

[4] https://www.nytimes.com/athletic/7597060/2026/09/15/alex-ovechkin-vladimir-putin-campaign/?redirected=1

[5] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw28-de-spitzensport-1194376

AUTOREN

Andreas Rüttenauer

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