taz.de -- US-Punkgitarrist Cheetah Chrome ist tot: Laut, böse und dem eigenen Untergang geweiht

US-Gitarrist Cheetah Chrome ist gestorben. Mit Rocket from the Tombs und den Dead Boys begründete er Mitte der 1970er die Urform von Punk. Ein Nachruf.

Bild: Cheetah Chrome ist tot

Cleveland, Ohio, fing in den 1970ern gerade an, zum Hauptschauplatz des US-Rustbelt zu werden. Die Industriestadt war bereits im wirtschaftlichen Niedergang begriffen, verlor Einwohner:Innen und musste scheinbar hilflos dabei zusehen, wie die Stahlwerke eines nach dem anderen dichtmachten.

Möglicherweise hat die ökonomische Misere die ortsansässige Jugend gerade deshalb zu mehr Drastik inspiriert: Wie ein Drachen spie Cleveland die Ursuppe von Punk und artverwandtem amphetaminhaltigem Gitarrengesäge aus: Pere Ubu, The Cramps, The Dead Boys, The Pagans. Ihre verschwippschwägerten Anfänge liegen genau hier in der ruinösen Stadt am Eriesee.

„Alles, was jemals aus Cleveland kam, war dem Untergang geweiht“, heißt es auf der Webseite der Band Rocket from the Tombs in der zwischen 1974 und 1976 etwa [1][David Thomas], Peter Laughner und ein gewisser Cheetah Chrome spielten. Gene O’Connor wuchs [2][in einer Hochhaussiedlung von Cleveland] auf und nannte sich als Gitarrist Cheetah Chrome, um dem Elend zumindest gedanklich entfliehen zu können.

Harter Punch

Cheetah (Gepard), so wurden in den Comics von DC gerne die weiblichen Bösewichte genannt, ultraschnelle Menschtier-Monster mit Schweif, Superkräften und hartem Punch. Cheetah Chrome war jedenfalls das perfekte Pseudonym für einen Gitarristen, dessen Anschlag auf der Axt klingt, wie sich ein technischer K. O. beim Boxen anfühlt: härteste Gangart, ohne Rücksicht auf Verluste, Bämm!

Um 1975 schloss sich Cheetah Chrome mit befreundeten Musikern zusammen, die ähnlich klingende Groschenheft-Künstlernamen trugen: Jimmy Zero, Johnny Blitz, Stiv Bators und Jeff Magnum bildeten mit Cheetah Chrome fortan die Dead Boys und brachten nach dem Umzug nach New York und chaotischen Konzertreisen zwei furchtlose Alben heraus, die zum Verzinktesten gehören, was der Punk-Kanon jemals hervorgebracht hat.

Obwohl der Sound im Zeitstrahl zurück zum Raunch ’n’ Roll grätscht, taumeln die Dead Boys munter vorwärts ins eigene Verderben. Auf „Young, Loud and Snotty“ und „We’ve come for your Children“ befinden sich jeweils Songs, die Cheetah Chrome schon zu den Zeiten von Rocket from the Tombs komponiert hatte, „Sonic Reducer“ und „Ain’t it Fun“, beides Hochgeschwindigkeits-Klassiker, die das Erbe der Stooges weiterführen und in puncto Verdruss und Lautstärke zuspitzen.

Dass dieses semilegendäre Rock-’n’-Roll-Dasein einen Tribut forderte, war am frühen Tod von Stiv Bators 1990 bemerkbar und daran, dass es Cheetah Chrome nach Auflösung der Dead Boys eher unstetig mit Reunion-Projekten und Sidemen-Jobs zu tun bekam. Andererseits hielt er all die Jahrzehnte wacker durch und nahm seine Rolle als Bösewicht ernst.

US-Gitarrist Chris Brokaw (u.a. Come und Codeine) berichtet in einer kritischen Würdigung, wie er als junger Künstler einmal bei Cheetah Chrome zur Audition aufschlug. Chrome kam in den Übungsraum mit einem riesigen Gitarrenkoffer geschneit, darauf der Aufkleber „Liquefied Meth“. Als er daraus eine Gibson Explorer holte, weigerte er sich strikt, Dead-Boys-Songs zu spielen. [3][Coverversionen von Stones-Songs] sollten es sein, die Audition ging in die Binsen.

Cheetah Chrome ist am Sonntag im Alter von 71 Jahren gestorben, aber bleibt als rothaariges welsches Teufli des Protopunk in rostfarbener Erinnerung.

14 Sep 2026

[1] /US-Saenger-David-Thomas-ist-tot/!6084941

[2] /US-Produzent-Galcher-Lustwerk/!5643239

[3] /Neues-Album-der-Rolling-Stones/!6193167

AUTOREN

Julian Weber

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