taz.de -- Pride in Charkiw: „Wir wollen, dass diese Stadt eine europäische Stadt ist“

Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen findet die Pride in der ostukrainischen Stadt Charkiw statt. Hass schlägt Queers auch in der Ukraine entgegen.

Bild: LGBTQ+Aktivisten demonstrieren in einer U-Bahn

Es dürfte die erste Demonstration in einer ukrainischen U-Bahn-Station gewesen sein. Am Samstag versammelten sich rund 200 Menschen in der Haltestelle Universitet in der ostukrainischen Metropole Charkiw zur Charkiw Pride 2026. Bis zuletzt hatten die Organisatoren des Pride-Marsches den Ort der Veranstaltung geheimgehalten. Aus Sicherheitsgründen.

Teilnehmen konnte nur, wer sich zuvor angemeldet hatte. Zum einen wollte man mit der Versammlung nicht das Interesse der russischen Armee wecken. Zum anderen wollte man der geplanten Gegendemonstration nicht die Möglichkeit geben, den Veranstaltungsort zu blockieren. Es hätte keinen besseren Ort für die Auftaktveranstaltung gegeben als die U-Bahn, herrschte doch genau zu diesem Zeitpunkt [1][in der Stadt auch noch Luftalarm].

Die DemonstrantInnen forderten unter anderem die gesetzliche Anerkennung eingetragener Partnerschaften für homosexuelle Paare und eine wirksamere strafrechtliche Verfolgung von Hassverbrechen gegen Angehörige sexueller Minderheiten. Die TeilnehmerInnen trugen etliche Transparente in Regenbogenfarben.

Auf ihren Plakaten standen Sprüche wie: „Ich bin für die Freiheit“, „Homophobie gehört zur russischen Welt“ oder „Gleiche Rechte für alle“. „Wir fordern auch dieses Mal gleiche Rechte für Angehörige der LGBTQ-Gemeinschaft und das Recht auf Eheschließung. Wir machen die Charkiv Pride, weil wir wollen, dass diese Stadt eine europäische Stadt ist“, sagte Sprecherin Vira Tschernigina gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Sender Suspilne.

Demonstrieren unter Polizeischutz

Nach der Auftaktkundgebung in der U-Bahn gingen sie auf den Freiheitsplatz und dann weiter auf die Straße. Etliche Polizisten schützten die Demonstrierenden vor den GegendemonstrantInnen. Denn genau auf dem Freiheitsplatz, dem größten Stadtplatz der Ukraine, wurde der Protestzug von schwarz gekleideten [2][rechtsradikalen „Anhängern traditioneller Familienwerte“ erwartet.]

„Putin ist auch schwul. Deswegen ist er stolz auf euch“, hieß es auf einem der schwarzen Transparente. Auch sie führten eine Regenbogenfahne mit sich. Gegen Ende ihrer Gegendemonstration traten sie auf diese Fahne und steckten sie anschließend in Brand. Am Ende der Veranstaltung wurden die Teilnehmer des Charkiv Pride in Bussen unter Polizeischutz an sichere Orte gebracht. Von dort aus konnten sie dann die Heimreise antreten.

Bereits in der Woche hatte die Charkiw Pride mit einem zweitägigen Fest begonnen. Unter anderem gab es einen Markt, bei dem Charkiwer Unternehmen ihre Produkte präsentierten. Es gab Vorträge, Podiumsdiskussionen, Workshops und Erste-Hilfe-Trainings. Außerdem konnten sich die BesucherInnen kostenlos auf HIV, Hepatitis B und C sowie Syphilis testen lassen. Ein Teil der beteiligten Unternehmen kündigte an, ihre Einnahmen teilweise an ein Hilfszentrum zu spenden, das LGBTQ+-Menschen und Frauen kostenlose Unterstützung anbietet.

Keine Rede von gleichgeschlechtlicher Ehe

Ein Schwerpunkt der diesjährigen Pride war [3][die Rolle von LGBTQ+-Menschen in den ukrainischen Streitkräften.] Auf dem Festival wurde eine Gedenkzone mit Porträts und Geschichten von gefallenen oder vermissten Soldaten eingerichtet. Kritisiert wurde, dass der im März 2023 in das Parlament eingebrachte Gesetzentwurf zu eingetragenen Partnerschaften, der sich zumindest in Teilen die Forderungen der LGBT+-Community zu eigen gemacht hatte, immer noch nicht von der Werchowna Rada, also dem Parlament, verabschiedet wurde.

Dieser Gesetzentwurf würde neue Formen des Zusammenlebens von gleichgeschlechtlichen Paaren regeln. So könnten dann zwei volljährige Personen ihre Partnerschaft registrieren lassen, das in der Partnerschaft erworbene Vermögen wäre gemeinsames Vermögen und die Partner könnten sich gegenseitig beerben. Bei Tod oder Verschwinden eines Partners würde der verbliebene Partner auch soziale Ansprüche geltend machen können.

All diese Bestimmungen wären gerade in dieser Zeit des Krieges wichtig. Der Gesetzentwurf ist zwar ein Schritt in Richtung rechtlicher Gleichstellung von LGBTQ+-Paaren, aber von der Einführung einer gleichgeschlechtlichen Ehe ist nicht die Rede. Auch eine Adoption wäre eingetragenen Partnerschaften nicht erlaubt, sollte dieser Gesetzentwurf Gesetz werden.

13 Sep 2026

[1] /Proteste-in-der-Ukraine/!6201024

[2] /LGBTIQ-in-der-Ukraine/!6094243

[3] /Homosexualitaet-in-der-ukrainischen-Armee/!6110083

AUTOREN

Bernhard Clasen

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