taz.de -- Krimis von Horst Evers und Anne Stern: Hoffnung in dunkler Nacht
Wie bei den Gereon-Rath-Krimis spielen bei „Hope Joanna“ und „Die weiße Nacht“ Berlin und Nazis die Hauptrollen. Ein guter Ersatz?
Bild: Anne Sterns Krimis werden als Nachfolger von Gereon Raths Reihe aufgebaut. Kinder vor Ruinen in der Nachkriegszeit, 1946
Wird das ein deprimierender Herbst für Krimifans? Zumindest für die Leser:innen [1][der Gereon-Rath-Reihe] wird es hart. Fast 20 Jahre lang hatte Volker Kutscher in jedem zweiten Herbst einen neuen Band vorgelegt, in dem er seinen Kommissar von der Weimarer Republik tief in die NS-Zeit begleitet hatte. 2024 ist der 10. Band erschienen, nun wäre es Zeit für den 11. – aber [2][die Serie ist beendet].
Ein schwacher Trost ist da, dass in der ARD gerade die letzte Staffel von „Babylon Berlin“ läuft, die 1933 spielt – im Jahr der Machtübernahme. Die Serie beruht zwar auf den Büchern von Volker Kutscher, der Kommissar dort heißt auch Gereon Rath, seine Begleiterin und Kollegin heißt auch Charlotte Richter. [3][Aber ansonsten ist die Verfilmung so frei], dass man sich fragt, ob die Drehbuchautor:innen überhaupt die Romane gelesen haben. Viel Interesse daran scheinen sie jedenfalls nicht gehabt zu haben.
„Hope Joanna“ von Horst Evers
Doch es gibt Hoffnung in dunkler Nacht. Denn gleich zwei neue Krimis spielen mit den Kernelementen der Rath-Romane: Berlin. Und Rechtsextremismus. Da ist zum einen – etwas überraschend – „Hope Joanna“ von Horst Evers. Der hat sich über die Jahrzehnte [4][vom Lesebühnenautor zum durch Funk und Fernsehen bekannten Kabarettisten] hochgearbeitet, was beim Lesen des Krimis etwas irritierend ist. Es braucht ein wenig Zeit, bis man seine prägnante Stimme aus dem Ohr bekommt.
Das gelingt aber, weil „Hope Joanna“ anders als die klassischen Evers-Texte nicht nur auf wunderbaren Klamauk setzt, sondern tatsächlich einen guten Krimi bietet – mit Spannungsbogen, schillernden Figuren, überraschenden Wendungen. Und mit Nazis. Anders als bei Gereon Rath sind sie aber sehr zeitgemäß. Reichsbürger:innen und Germanenkultfans, ein ehemaliger, Hausbesetzer hassender Innensenator, der davon träumt, noch weiter rechts noch einmal zu reüssieren – und prompt zu einer der Leichen wird, ohne die kein Krimi auskommt.
Dem gegenüber stellt Evers ein Ermittler:innenduo, angeführt von der titelgebenden Hope Joanna, einer einstigen Taekwondo-Kämpferin mit Olympiaambitionen, die nun Nazis eine … verpasst. Weitere Zutaten: Ein norwegischer Fußballprofi vom 1. FC Union Berlin, der sehr vergnüglich mit der deutschen Sprache spielt. Und der einen Maserati hat, aber keinen Führerschein. Hinzu kommen: die amtierende Innensenatorin mit einem Hang zu seltsamen Kostümen. Eine Polizeikollegin, die Siri heißt. Rechte Bierbrauer, die den Erfolg der AfD erklären. Und die Geschichte gipfelt in einem etwas durchgedrehter Showdown hoch über den Dächern von Berlin.
„So eine hanebüchene Geschichte konnte sich kein Mensch ausdenken“, schreibt Evers selbst weit hinten im Buch. Was natürlich hanebüchen ist, weil Evers ja zeigt, dass er es kann. Aber man merkt schon. Die depressive Tiefe der Gereon-Rath-Krimis will und kann Evers nicht bieten. Die Rechten werden hier eher weggelacht als ernst genommen.
Die Lektüre verleitet zum Schmunzeln. Das kann in diesen Zeiten ja auch nicht falsch sein. Und dass eher als Humoristen bekannte Autoren sehr gute zeitgenössische Krimis schreiben können, ist spätestens seit „Views“ von [5][Marc-Uwe Kling] bekannt.
„Die weiße Nacht“ von Anne Stern
Noch näher dran am Konzept der Gereon-Rath-Krimis ist „Die weiße Nacht“ von Anne Stern. So nah, dass man sich gut vorstellen kann, wie es am Reißbrett der Lektor:innen im Piper-Verlag entstanden ist, die dringend einen Nachfolger für ihre Rath-Reihe brauchten.
Auch hier gibt es ein Ermittler:innenduo. Der Kriminalkommissar Alfred König und die Fotografin Lou Faber, bei denen man förmlich darauf wartet, dass es zwischen den beiden irgendwann mal funkt. Auch hier spielt die präzise und mit viel Lokalkolorit beschriebene Stadt Berlin eine Hauptrolle. Nur eben nicht das Vorkriegs-, sondern das Nachkriegsberlin. Die Geschichte spielt Ende 1946.
Damit auch der Letzte versteht, dass es sich hier quasi um eine Fortsetzung handelt, hat der Verlag das Buch nicht nur in einen den Rath-Krimis ähnelnden Umschlag gepackt. Er bewirbt es selbst so sehr für Fans der Reihe, dass man skeptisch werden muss.
Zum Glück ist Anne Stern nicht irgendwer. Die Vielschreiberin hat bereits Geschichten über eine Berliner Hebamme der 1920er Jahre in ein historisches Umfeld gepackt. Und das gelingt ihr mit „Die weiße Nacht“ erneut.
Vordergründig geht es um mehrere Leichen, die seltsam drapiert aufgefunden werden. Die Hauptrolle spielt aber das weitgehend zerstörte Berlin im Hungerwinter 1946/47. Anne Sterns Beschreibungen lassen einen beim Lesen selbst im Sommer frösteln. Überall zieht es durch die Fugen. Die Protagonist:innen dürfen sich schon freuen, wenn sie überhaupt eine Wohnung haben und nicht auf den schneebedeckten Friedhöfen in Kreuzberg Unterschlupf suchen müssen. Wer kann, verhökert die letzten Habseligkeiten auf dem Schwarzmarkt am nahe gelegenen Marheinekeplatz.
„Wer heute noch lebt, ist selber schuld“, lässt Anne Stern einen alten Mann in der U-Bahn sagen. Ein Satz, der die Hoffnungslosigkeit in der zwar von den Nazis befreiten, aber am Boden liegenden Stadt kaum besser beschreiben könnte.
Mit der aus den Kutscher-Romanen bekannte Dichte präzise beschriebener, historischer Orte kann Stern nicht ganz mithalten. Aber auch ihr gelingt es, Leser:innen mit Geschichten der Stadt zu überraschen. Etwa dass die Mordkommission nach dem Krieg an der Torstraße in Berlin-Mitte untergebracht war – in einem ehemaligen jüdischen Krankenhaus, dessen Geschichte (siehe Textbox) selbst vielen Ortskundigen unbekannt ist. Oder dass die Mordermittler im schon geteilten Berlin noch für die ganze Stadt zuständig waren – und auch schon ins Gezerre zwischen Ost und West gerieten.
Und natürlich sind da auch die Nazis. Zwar ist der Krieg vorbei, aber die NS-Zeit ist omnipräsent. Ehemalige NSDAP-Funktionäre sind bei der Polizei noch oder schon wieder in Position – oder bei einer weiteren Klinik, die eine wichtige Rolle spielen wird. In dieser Stadt ist niemand ohne Geschichte. Und Anne Stern schreibt sie gekonnt auf.
Am Ende des Buches ist man den Figuren so nah gekommen, dass man gern mehr über den einäugigen Kommissar und die ihn begleitende Fotografin wüsste. Zum Glück hat Stern den zweiten Band schon fertig. Er wird im Hitzesommer 1947 spielen. [6][Die letzten Seiten hat Stern] passenderweise am [7][tödlich heißen Wochenende Ende Juni] geschrieben. Nur ein Erscheinungstermin ist noch nicht bekannt.
4 Oct 2026
LINKS
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[4] https://taz.de/Das-Modell-des-Durchwurschtelns-funktioniert-nicht-mehr/!428517/
[5] /Marc-Uwe-Kling-ueber-Digitalkonzerne/!6190481
[6] https://www.instagram.com/p/DaKt8PTiHIg/?img_index=1
[7] /Hitzewelle-im-Sommer/!6209784
AUTOREN
Gereon Asmuth
Volker Kutscher
Krimi
Babylon Berlin
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