taz.de -- Die Wahrheit: Kinder des Hochglanzes

Nepo-Babys haben es auch nicht leicht – wie die Autorin, die seit der Kindergartenzeit vom Leben und seinen Protagonistas bevorzugt wurde.

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Was haben Summer Terenzi, Josefine Scholl, Diego Pooth, Gloria-Sophie Burkandt und ich gemeinsam? Wir sind Spröss- oder Zöglinge von Pop- und Fußballstars, Moderatoren, Politikern oder sogar Kindergärtnerinnen. Bei Summer, Diego, Gloria-Sophie und Josefine hat das zu einer Doku-Reihe auf ProSieben gereicht, nur mich hat ProSieben mal wieder nicht gefragt. Daher ergänze ich das Ganze mal selbst.

Auch ich hatte das Glück, in eine glamouröse Familie geboren zu werden. Meine Eltern waren schon seit unzähligen Jahrhunderten im Kirchenchor. Tante Brigitte war auch im Kirchenchor, und sie war eine Freundin meiner Mutter. Selbstverständlich kam ich also in Tante Brigittes Kindergartengruppe, Tante Brigitte war nämlich Kindergärtnerin. Und jetzt erfuhr ich, was es bedeutete, privilegiert aufzuwachsen.

Es begann damit, dass unsere Gruppe das Lied „Schornsteinfeger ging spaziern“ auf irgendeinem Fest szenisch aufführen sollte. Und ganz, ohne dass es eine Ausschreibung für die Hauptrolle gegeben hätte, bestimmte Tante Brigitte einfach, dass ich der Schornsteinfeger sein würde. Da spürte ich zum ersten Mal Hass und Sozialneid in meiner Umgebung aufkeimen: Andere Kinder wollten auch der Schornsteinfeger sein. Darüber gab es aber keine Diskussionen.

Dass ich auch die einzige war, die „Tante Brigitte“ zu Tante Brigitte sagen durfte, kam noch hinzu. Alle anderen Kinder mussten sie „Fräulein Kottenkamp“ nennen.

Holzscheite stapeln

So ging es weiter: An einem Tag war mal ein Wettbewerb anberaumt, bei dem wir Zöglinge, so schnell es nur ging, verschieden große Holzscheite der Größe nach aufeinander stapeln sollten. Es waren ungefähr sieben, ich weiß es noch so, als wäre es gestern gewesen. Siegreich konnte ich selbstverständlich die Trophäe für mich gewinnen, ich war nun mal die Schnellste. Dass ich die Scheite aber einfach ungeachtet ihrer Größe wild aufeinander gekloppt hatte, fiel bei der Wertung von Tante Brigitte nicht ins Gewicht. Für mich auch nicht. Da deutete sich schon wieder eine gewisse revolutionäre Stimmung unter den anderen Kindern an, die Tante Brigitte jedoch ersticken konnte.

Jedoch war es aber nicht so, dass mir all dieses überfließende Glück und all diese goldenen Privilegien einfach in den Schoß geflossen wären – o nein! Die schmutzige Wahrheit dahinter muss die Öffentlichkeit auch mal erfahren. Die Summer Terenzi, die Josefine Scholl, der Diego Pooth, die Gloria-Sophie Burkandt und ich und meinesgleichen auf aller Welt müssen nämlich für das Glitzerglanzbild in der Öffentlichkeit ganz schön ächzen! Ich zum Beispiel wurde noch während meiner Kindergartenzeit in ein königsblaues Samtkleidchen gesteckt und gezwungen, bei Tante Brigittes Hochzeit auf dem Weg zum Altar Blumen zu streuen. Die Bilder davon kriege ich nie wieder aus dem Internet hinaus. Das ist die schmutzige andere Seite der Medaille von unserem Hochglanzkinderleben!

8 Sep 2026

AUTOREN

Corinna Stegemann

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