taz.de -- Referendum in Island: Nein zum EU-Beitritt
Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen beim Referendum über die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen stimmt am Ende die Mehrheit der Isländer:innen dagegen.
Bild: Eine Wahlnachtveranstaltung der „Ja“-Kampagne: Island hatte bereits 2009 einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt, dann legte eine euroskeptische Regierung ihn auf Eis
dpa/rtr | Die Menschen in Island haben mehrheitlich gegen eine Wiederaufnahme der Gespräche über einen EU-Beitritt ihres Landes gestimmt. Das Ergebnis des Referendums fiel mit 52,8 zu 47,2 Prozent der Stimmen knapp aus, wie die Auszählung ergab.
Zunächst hatten sich beide Seiten ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Nach ersten Teilergebnissen vom Sonntag lagen das Lager der Befürworter und der Gegner fast gleichauf. Gegen den Vorschlag der Regierung stimmten nach Auszählung von 152.000 Stimmen der rund 270.000 Wahlberechtigten 50,1 Prozent, wie der Rundfunksender RUV berichtete. Für die Wiederaufnahme von Verhandlungen, die 2013 nach vier Jahren abgebrochen worden waren, sprachen sich demnach 49,9 Prozent aus.
Angaben zur Wahlbeteiligung lagen zunächst nicht vor. Ein verlässliches Endergebnis wird für Sonntagmittag erwartet. Die Wahllokale wurden am Samstagabend um 22.00 Uhr geschlossen. Umfragen hatten zuletzt auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hingedeutet.
In dem Inselstaat im Nordatlantik ist das [1][Interesse an einer EU-Mitgliedschaft] zuletzt wieder gewachsen – unter anderem wegen der gestiegenen Lebenshaltungskosten, des Ukraine-Krieges sowie der wiederholten Drohungen von US-Präsident Donald Trump, das benachbarte Grönland zu annektieren.
Befürworter von Beitrittsgesprächen argumentieren, dass eine EU-Mitgliedschaft und eine mögliche Einführung des Euro die hohen Zinsen dämpfen und die Inflation im Land eindämmen könnten. Der Leitzins der isländischen Zentralbank liegt derzeit bei acht Prozent. Gegner eines EU-Beitritts befürchten hingegen einen Verlust der Souveränität und der Kontrolle über die für das Land wichtigen Fischereigewässer.
Die Abstimmung war kein Votum über den eigentlichen Beitritt, über den im Falle erfolgreicher Verhandlungen in einem zweiten Referendum hätte entschieden werden müssen. Ministerpräsidentin Kristrún Frostadóttir erklärte nach ihrer Stimmabgabe in der Hauptstadt Reykjavik am Samstag, das Referendum habe eine wichtige Debatte über Islands Rolle in der Welt angestoßen. Die Regierung werde ihre Arbeit unabhängig vom Ausgang der Abstimmung fortsetzen. Oppositionsführerin Gudrún Hafsteinsdóttir, die die „Nein“-Kampagne anführte, erklärte dagegen, dass Islands Probleme nicht von der EU gelöst werden könnten. „Das sind keine Probleme, die Brüssel für uns lösen kann, sondern Aufgaben, die isländische Politiker bewältigen müssen.“
Island hatte bereits 2009 inmitten einer schweren Finanzkrise einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt, eine euroskeptische Regierung legte den Prozess jedoch 2013 auf Eis. Die [2][jüngsten geopolitischen Unruhen] haben die seit Jahrzehnten geführte Debatte neu belebt.
30 Aug 2026
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