taz.de -- Demonstrationen gegen rechts: 100.000 Gründe für Hoffnung
Mehr als 100.000 Menschen haben am Wochenende gegen rechts demonstriert. Dabei ging es auch fröhlich zu. Diesen unverdrossenen Einsatz brauchen wir.
Bild: In Potsdam gingen rund 1.500 Menschen auf die Straße, um gegen den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt zu demonstrieren
Es gab an diesem Wochenende wieder viele Gründe, Angst zu bekommen – vor der künstlichen Intelligenz, die laut Experten schon in einem halben Jahr außer Kontrolle geraten könnte, und vor der menschlichen Dummheit, die Kriege weiter eskalieren lässt und die laut Umfragen zu weiteren AfD-Erfolgen bei den Landtagswahlen am kommenden Sonntag beitragen dürfte. Aber es gab auch mehr als 100.000 Gründe, Hoffnung zu schöpfen.
[1][Mehr als 100.000 Menschen] haben sich von all den Horrorszenarien nicht einschüchtern lassen. Sie wurden aktiv, gingen unverdrossen auf die Straße, um bei zwei CSD-Umzügen in Halle und Wismar für queere Rechte sowie bei zahlreichen weiteren Demonstrationen für Vielfalt und gegen den Rechtsruck in ganz Deutschland einzutreten.
Man kann jetzt lange darüber sinnieren, ob die Zahl der Demonstrierenden angesichts der akuten Gefahr einer Machtübernahme durch die AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern eher hoch oder zu niedrig ist. Das Engagement der 100.000 ist auf jeden Fall besser, als nichts zu tun, hadernd auf dem Sofa oder am Schreibtisch zu sitzen und zu beklagen, dass niemand den Vormarsch der AfD stoppt.
Eine politische Wende haben die 100.000 sicher noch nicht bewirkt. Natürlich nicht. Aber es geht auch schlicht und einfach darum, deutlich zu machen, dass die AfD mit Gegenwehr rechnen muss, wenn sie ihre Gewaltfantasien gegen Minderheiten und Andersdenkende auszuleben versucht. Es geht darum, dass sich jemand für den Schutz ihrer potenziellen Opfer einsetzt und Menschen überall [2][stabil solidarisch bleiben].
Wichtiger als die Gesamtzahl war deshalb die regionale Verteilung. Es hat keineswegs nur die übliche linke Bubble in Berlin-Mitte demonstriert, sondern [3][Menschen im ganzen Land], im Osten und Westen, im Norden und Süden.
Darauf lässt sich aufbauen, wenn der Protest wie auf vielen Demos am Wochenende [4][kreativ, bunt, gewaltfrei] und, ja, auch fröhlich artikuliert wird. Miesepeter gibt es in der Parteipolitik genug. Auch deshalb haben sie gegen den rechtsextremen Strahlemann Siegmund verloren. Wenn der Einsatz für die Demokratie größer werden soll, was dringend nötig ist, muss er für möglichst viele Menschen attraktiv wirken.
Einfach nur für ein AfD-Verbot zu sein, wird dafür nicht reichen. Über die Verbotsforderung ist man sich nicht einmal im linken Lager einig. Sie wirkt auf viele undemokratisch, erst recht direkt vor oder nach Wahlen. Zudem wird sie kaum die Menschen überzeugen, die zur AfD neigen. Im Gegenteil. Selbstbewusst für Vielfalt und konkrete Ziele zu kämpfen, wie auf den CSDs, ist viel aussichtsreicher. Hoffentlich.
13 Sep 2026
LINKS
[1] /Bundesweiter-Protest-gegen-Rechts/!6212724
[2] /Wahlergebnis-in-Sachsen-Anhalt/!6208073
[3] /Grossdemo-fuer-ein-weltoffenes-Berlin/!6211707
[4] /Demos-gegen-die-AfD/!6212688
AUTOREN
Lukas Wallraff
Schwerpunkt Demos gegen rechts
Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Linke Proteste
Demonstrationen
Rechtsruck
Reden wir darüber
Social-Auswahl
ARTIKEL ZUM THEMA
Massenproteste der Gewerkschaften: Über 175.000 gegen Sozialabbau
Zum Aktionstag für den Erhalt des Sozialstaats und gegen die Reformpläne von Kanzler Merz gehen bundesweit viele Menschen auf die Straße. Allein in Essen mehr als 18.000.
Carolin Amlinger über wehrhafte Poltik: „Wir brauchen eine soziale Erneuerung der Demokratie“
Natürlich müssen wir davon ausgehen, dass die AfD noch aufzuhalten ist, sagt die Soziologin Carolin Amlinger. Ein Gespräch über antifaschistische Politik.
Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt: Die Stunde der gewählten Demokraten
Demos und Demokratie verteidigen schön und gut. Aber jetzt braucht es überzeugendes Handeln von unseren gewählten demokratischen Politikern.
Bundesweiter Protest gegen rechts: 127.000 Menschen demonstrieren gegen die AfD
In 29 Städten haben am Samstag weit mehr als 100.000 Menschen gegen Rechtsextremismus demonstriert. Das zeigt eine Zählung der taz.
Perspektiven aus Sachsen-Anhalt: Alles ist möglich, aber von links
Mit Demokratie-Predigten lässt sich die AfD nicht bekämpfen. Wie stattdessen eine Politik aussehen könnte, die rassistische Spaltung überwindet.