taz.de -- Isar-Aerospace-Raketenstart: Unendliche Weiten für die Aufrüstung
Deutsche Politiker*innen feiern den Raketenstart auf Andøya. Was sie nicht in den Vordergrund stellen: Die Raumfahrt-Investitionen dienen auch dem Militär.
Bild: Die Rakete Spectrum auf einer Startrampe auf Andøya, im März 2025
Ein Raketenstart ist ein Industrieschauspiel. An den Weltraumbahnhöfen versammeln sich Menschen mit Klappstühlen und Ferngläsern. Sie sehen eine Säule aus Licht, die sich in den Himmel schraubt, und spüren ein Donnern, das durch den Brustkorb geht.
So auch am vergangenen Samstagabend, kurz nach zehn, auf der norwegischen Arktisinsel Andøya. An Bord waren fünf Kleinsatelliten. Was der Rakete des bayerischen Start-ups Isar Aerospace in den Stunden danach aufgeladen wurde, wog deutlich mehr.
Erstmals hat ein privates europäisches Unternehmen vom europäischen Festland aus den Orbit erreicht. Kanzler Friedrich Merz (CDU) meldete sich umgehend: [1][„Das ist der Beginn einer neuen Ära.“] Die Firma selbst beschrieb den Flug in ihrer Pressemitteilung als einen Wendepunkt für Europa. Das Bundesforschungsministerium unter Führung von Raumfahrtministerin Dorothee Bär (CSU) ließ ausrichten: „Deutschland kann Raumfahrt.“
Firmenchef Daniel Metzler, der ein Wirtschaftsunternehmen führt und Startdienstleistungen verkauft, sprach nicht über Marktanteile, sondern sagte: „Europa hat jetzt [2][souveränen Zugang zum Weltraum].“ Er weiß offenbar, welcher Satz die Geldbeutel öffnet. Mehr als die Hälfte der [3][Anfragen an Isar Aerospace] kommen inzwischen aus dem militärischen Bereich, das hat Metzler im Frühjahr selbst berichtet. Auch ein norwegischer Offizier und „Space Leader“ der Nato war in Andøya vor Ort.
Geld für Militär im All
Was für Isar Aerospace gilt, gilt für die Branche. Laut dem [4][European Space Policy Institute] floss 2025 knapp ein Drittel der privaten Investitionen in europäische Raumfahrt-Start-ups an Firmen mit Geschäft in Sicherheit und Verteidigung. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) kündigte im September 2025 auf dem Weltraumkongress des Industrieverbands BDI an, bis 2030 rund 35 Milliarden Euro aus dem Verteidigungshaushalt in eine „Weltraumsicherheitsarchitektur“ zu investieren.
Eine Branche, die jahrzehntelang ein betont ziviles Selbstbild pflegte, wird also mit öffentlichem Geld in kürzester Zeit enger an die Verteidigungsindustrie herangeführt. Dafür gibt es einen sehr realen Grund. Über die Kriege auf der Erde wird zunehmend im Orbit entschieden.
Satellitengestütztes Internet steuert den Drohnenkrieg und bringt Videos von der Front in die Welt. Navigationssatelliten liefern Daten für die Zielerfassung. Erdbeobachtungssatelliten zeigen Panzerkolonnen vor der Stadt und liefern die Bilder, mit denen sich Kriegsverbrechen nachweisen lassen. Das russische Massaker 2022 im ukrainischen Butscha etwa, oder der US-Angriff 2026 auf [5][eine iranische Schule in Minab].
Zur Wahrheit gehört aber auch ein zweiter Punkt. Die Aufrüstung soll den Wachstumsschub liefern, den die europäische Wirtschaft anderswo nicht mehr findet. Und die Raumfahrt ist der Teil davon, der nach Zukunft aussieht.
Neuer Raum für den Kapitalismus
Das All scheint die aktuelle Auflage dessen zu sein, was der Geograf und politische Theoretiker David Harvey den räumlichen Ausweg nennt. Der Kapitalismus heile seine inneren Widersprüche nie, er verschiebe sie und suche neue Räume, wenn die alten erschöpft sind.
Im Orbit kommt etwas hinzu, das ihn für Milliardäre wie Elon Musk und Jeff Bezos besonders attraktiv macht. Dort sind die Regeln entweder noch nicht geschrieben oder nicht durchsetzbar. Für Raketenabgase in der Stratosphäre existiert kein Grenzwert. Für Kollisionen im Orbit haftet praktisch niemand.
Eine Weltraumindustrie, die sich um die zeitige Entsorgung ihrer Satelliten kümmert, für ihre Rußpartikel aufkommt und ihre Lichtverschmutzung bezahlt, wird es in unserem Wirtschaftssystem nicht geben. Der erdnahe Weltraum ist profitabel, gerade weil er billig gemacht wird. Wer dort zuerst und mit dem meisten Kapital erscheint, bestimmt die Regeln, nach denen dieser neue Raum in Zukunft verwertet wird.
Jetzt geht es also auch von Europa aus nach oben, in den Orbit.
11 Sep 2026
LINKS
[1] https://x.com/bundeskanzler/status/2096457328476188866
[2] https://isaraerospace.com/press/history-for-european-spaceflight-isar-aerospace-reaches-orbit-and-deploys-payloads-on-second-flight
[3] https://isaraerospace.com/press/german-minister-of-defence-boris-pistorius-visits-isar-aerospace-underscoring-strategic-priority-of-sovereign-access-to-space-for-defence-and-deterrence
[4] https://www.espi.eu/reports/space-venture-2025/
[5] https://www.amnesty.de/aktuell/iran-us-angriff-schule-kinder-getoetet-amnesty-recherche
AUTOREN
Enno Schöningh
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