taz.de -- Alte Bücher als KI-Futter: Der Pontifex gegen Silicon Valley

KI-Konzerne kaufen in großem Stil antiquarische Bücher, um die Inhalte scannen zu lassen. Gegen diese Instrumentalisierung von Wissen interveniert jetzt der Papst.

Bild: Papst Leo XIV., hier beim Treffen der Freundschaft unter den Völkern in Rimini, will der KI Grenzen setzen

Als François Truffaut 1966 den Film „Fahrenheit 451“ drehte, bestand die Dystopie in einem Verbot von Büchern. Basierend auf dem Roman von Ray Bradbury zeigt der Film eine Gesellschaft, deren Leere daher rührt, dass man Bücher weder besitzen noch lesen darf. Denn diese gelten als der Hauptgrund für eigenständiges Denken. Deshalb muss jedes verbliebene Exemplar aufgespürt und vernichtet werden. Und Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier Feuer fängt.

Heute hingegen verzeichnen Antiquariate einen plötzlichen und auffälligen Anstieg ihrer Verkaufszahlen. [1][Eine Firma wie Zoom Books kauft – wohl im Auftrag von KI-Konzernen – Millionen gedruckter antiquarischer Bücher]. Deren Ziel ist das, was mittlerweile eine eigene Bezeichnung hat: „destruktives Scannen“. Das bedeutet, die Buchrücken werden abgeschnitten und die losen Seiten eingescannt, in Hochgeschwindigkeitsscannern. Danach werden die materiellen Reste entsorgt. Geschreddert. Dieses Vorgehen ist doppelt bedenklich.

[2][Zum einen wird das Wissen dabei verwertet, ohne dass die Konzerne ein Recht darauf hätten]. Das wesentlich einfachere Herunterladen von Büchern ist schiefgegangen. Nachdem die Firma Anthropic 7 Millionen Bücher illegal heruntergeladen hatte, musste sie 1,5 Milliarden Dollar an solcherart geprellte Autoren zahlen. Mit dem Scannen antiquarischer Bücher will man nun das Urheberrecht umgehen.

Ab in die Verwertung

Zum anderen ist das, was wie das Gegenteil von „Fahrenheit 451“ wirkt, eigentlich nichts als die moderne Version davon. Die Vernichtung der Bücher erfolgt dabei nicht durch das Schreddern, sondern vielmehr durch das Scannen. Dieses ist kein Aufbewahren – es ist nichts als das Einverleiben von Inhalten durch die KI-Konzerne. Das Wissen wird damit zur Information. Und zum Training für die KI.

Vernichtet wird das Wissen dabei auf besondere Weise – indem es in sein Gegenteil verwandelt wird: aus einer objektiven Vernunft in eine rein instrumentelle. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer haben diese Unterscheidung in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ bekannt gemacht: Instrumentelle Vernunft bedeutet die Vorherrschaft einer rein technischen Rationalität, die nur nach den effizientesten Mitteln fragt. Da geht es dann nur noch um das Wie.

Die wirkliche, die objektive Vernunft hingegen, jene, die über die Zwecke reflektiert, die nach dem Wozu fragt, gerät dabei ins Hintertreffen. Heute hingegen erleben wir, wie diese objektive Vernunft – die im Wissen, in den Büchern gespeichert ist – selbst instrumentalisiert wird: als Futter für die KI.

Im Film rettet eine Gruppe von Dissidenten das Wissen, und damit ihr eigenes Menschsein, indem jeder ein Buch auswendig lernt. In der neuen Dystopie, in der wir heute leben, kommt die Rettung von unerwarteter Seite. Die mehr als erstaunliche Gegenrede kommt vom Papst. Nicht dass er Einspruch erhebt, ist bemerkenswert, sondern wie.

Der Papst ruft zur politischen Verantwortung im KI-Zeitalter auf. Er warnt davor, militärische Entscheidungen über Leben und Tod an autonome Systeme zu delegieren. Er fordert Vereinbarungen ein, die menschliche Verantwortlichkeit und humanitäre Grundsätze wahren.

Halten wir fest: Es ist [3][das Oberhaupt der katholischen Kirche], das für die Wahrung der menschlichen Urteils- und Verantwortungsfähigkeit eintritt. Es ist der Papst, der sich für den mündigen Umgang mit der KI starkmacht. Der Partei für das kritische Denken und den Gestaltungswillen des Menschen ergreift.

Es ist der Pontifex, der sich all jener Kategorien bedient, die Aufklärung einst als Waffe gegen die Kirche gerichtet hatte. Das kritische Denken. Die Mündigkeit des Menschen. Die Humanität. Die Freiheit. All das, was einst zur Befreiung von Bevormundung, zum Ausgang aus Unmündigkeit, all das, was einst zur Selbstermächtigung des Menschen erdacht wurde!

Heute ist es der Papst, der das autonome Subjekt rettet! Es ist der Papst, der sich für die menschliche Vernunft einsetzt! Er ist es, der das mündige Menschenbild vertritt! Das hätte sich kein Aufklärer jemals träumen lassen.

25 Aug 2026

[1] /Kuenstliche-Intelligenz/!6186606

[2] /Vorwurf-der-Urheberrechtsverletzung/!6205842

[3] /Papst-Leo-XIV/!6194415

AUTOREN

Isolde Charim

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