taz.de -- Britischer Regierungschef in der Ukraine: „Das ukrainische Volk verdient unsere Dankbarkeit“

Großbritanniens Premier Burnham sagt in Kyjiw, die Ukraine führe Europa. Er ermöglicht die lokale Produktion britisch-französischer Marschflugkörper.

Bild: „Europas Beschützer“: Der britische Premierminister Andy Burnham nimmt in Kyjiw von Wolodymyr Selenskyj eine Auszeichnung entgegen

Großbritanniens neuer Premierminister Andy Burnham hat in der Ukraine seinen ersten außenpolitischen Akzent gesetzt. Der Labour-Politiker nahm am Montag in Kyjiw als höchstrangiger Staatsgast an den Feierlichkeiten zum 35. Unabhängigkeitstag der Ukraine teil. Im 20. Jahrhundert habe Großbritannien die Flamme der Freiheit Europas hochgehalten, im 21. Jahrhundert tue dies die Ukraine, [3][sagte Burnham] in einer Rede vor der Sophienkathedrale, bevor dort Präsident Wolodymyr Selenskyj das Wort ergriff und Burnham eine Auszeichnung „für das britische Volk“ übergab.

„Die Ukraine ist Europas Beschützer gewesen“, sagte Burnham. „Keine Last für unsere Sicherheit, sondern die Frontlinie in der Sicherung Europas. Das ukrainische Volk verdient nicht nur unsere weitere Unterstützung, sondern unsere Dankbarkeit und unseren Respekt.“

Burnhams Bekenntnis zur Ukraine war unerwartet deutlich, nachdem er seit seinem Amtsantritt im Juli wenig Interesse an Außenpolitik bekundet hat. Der britische Regierungschef sollte am Montagnachmittag auch ein Treffen der internationalen „Koalition der Willigen“ in Kyjiw leiten – jener europäischen Länder, die bereit sind, sich im Falle eines Friedensschlusses zwischen der Ukraine und Russland militärisch zu engagieren. „Wir werden nicht nachlassen, bis es zu einem gerechten Frieden kommt“, sagte Burnham.

Großbritannien will nun der Ukraine ermöglichen, den Druck auf Russland weiter zu erhöhen. Wie [4][die britische Regierung jetzt mitteilte], wird die Ukraine britisch-französische Marschflugkörper in Eigenregie im eigenen Land herstellen und damit ihre Schlagkraft gegen russische Militärinfrastruktur deutlich erhöhen können. Burnham brachte Berichten zufolge die vertraulichen Blaupausen für die britischen Komponenten im britisch-französischen Raketensystem „Storm Shadow“ beziehungsweise „Scalp“ nach Kyjiw mit. Nachdem Frankreich dem Transfer seines Teils bereits im Juli zugestimmt, kann nun die Raketenherstellung in der Ukraine in Zusammenarbeit mit Frankreich beginnen.

Bereits gegen Russlands Schwarzmeerflotte eingesetzt

Die bunkerbrechenden Raketen mit einer theoretischen Reichweite von mehr als 500 Kilometern wurden erstmals 2023 von Großbritannien an die Ukraine abgegeben, damals noch mit stark verringerten Reichweite. 2024 wurde die zugelassene Reichweite erhöht, blieb aber noch unter dem theoretischen Maximum. Sie erwiesen sich als sehr effektiv gegen russische Marinestützpunkte auf der Krim und erzwangen den Abzug der russischen Schwarzmeerflotte von der besetzten ukrainischen Halbinsel.

Wenn die Ukraine das Waffensystem nun selbst herstellen kann, wird sie unabhängiger – auch weil Kyjiw dabei nicht den Einschränkungen unterliegt, die die USA ihren europäischen Partnern für Lieferungen von Militärgerät mit US-amerikanischen Komponenten auferlegt hat. US-Zusagen, der Ukraine die Herstellung von Patriot-Luftabwehrraketen zu erlauben, wurden bislang nicht umgesetzt.

Militärexperten erwarten nicht, dass die ersten in der Ukraine produzierten Marschflugkörper vor Ende 2026 fertig werden. Aber Großbritanniens Maßnahme ist die bisher weitestgehende Entscheidung unter dem [5][„Project Brakestop“] von Ende 2024 – eine Ausschreibung der britischen Regierung an Rüstungskonzerne zur schnellen Herstellung von weitreichenden Raketen, Drohnen und Luftabwehrsystemen in großer Stückzahl in der Ukraine.

Bereits am vorletzten Wochenende hatten britische Medien enthüllt, dass die Ukraine Drohnen aus britischer Herstellung gegen Ziele in Russland einsetzt, ein weiteres Ergebnis des „Project Brakestop“. Dies sorgte zunächst für scharfe verbale Reaktionen aus Moskau, das warnte, Großbritannien werde einen „hohen Preis“ zahlen.

Am Sonntag wurde dann bekannt, dass Russland seinen Botschafter Andrej Kelin nach sieben Jahren im Amt [6][aus Großbritannien abgezogen] hat. Er verließ London am 21. Juli, ersatzlos. Die russisch-britischen Beziehungen hätten einen „beispiellosen Tiefpunkt“ erreicht, erklärte die russische Botschaft und sagte, sie werde jetzt von ihrem Geschäftsträger geführt.

24 Aug 2026

[3] https://x.com/alexwickham/status/2091827990913077750

[4] https://www.gov.uk/government/news/britain-is-100-behind-you-prime-minister-andy-burnham-visits-kyiv-on-ukrainian-independence-day-for-first-international-trip

[5] https://www.gov.uk/government/news/uk-accelerates-long-range-strike-capability-for-ukraine

[6] https://www.telegraph.co.uk/world-news/2026/08/23/russia-withdraws-ambassador-from-uk/

AUTOREN

Dominic Johnson

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Andy Burnham

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