taz.de -- Queeres Leben in Mecklenburg-Vorpommern: Das Gefühl geben, nicht alleine zu sein

Christian Arnold Krüger organisiert mit dem Verein Queerstrelitz vom CSD bis zu Volleyballturnieren queere Events in Neustrelitz.

Bild: Christian Arnold Krüger (l.) mit seinem Verlobten Jens Purschwitz (r.)

Vor dem Hauptbahnhof stehen Männer in schwarzen Tanktops, Frauen mit Pride-Regenschirmen, Kinder mit ihren Müttern und Jugendliche mit Antifa-Regenbogenflaggen. Rund 1.000 Menschen haben sich in Neustrelitz versammelt. Mittendrin tanzt Christian Arnold Krüger. Der 40-Jährige trägt ein Oberteil aus kleinen, grün und lila glänzenden Plättchen. Sein Outfit glänzt und blinkt in der Sonne vom Saum bis zur pinken Schiebermütze. Bestimmt ruft er in sein Mikrofon. Heute kämpfen sie alle dafür, dass jeder und jede leben und lieben darf, wie oder wen man will.

Krüger ist der Vorsitzende des [1][Queer-Strelitz e. V.] Der Verein hat den Neustrelitzer CSD organisiert. Der 40-Jährige ist gebürtiger Neustrelitzer, lebte aber 20 Jahre lang in Berlin. Seit zwei Jahren saniert er mit seinem Verlobten Jens Purschwitz ein altes Gut aus Familienbesitz in seiner Heimat. „Wir beide haben schon beim ersten Date darüber geredet, wieder aufs Dorf zu ziehen“, erzählt Krüger. Die beiden fühlen sich wohl auf dem Land: „Die Leute haben uns jetzt über zwei Jahre kennengelernt, sehen, dass wir wirklich hart arbeiten und keine abgehobenen Berliner sind“, sagt Krüger, „Und wir grüßen! Das ist sehr wichtig auf dem Dorf.“

Flussfahrten, Lesungen und queere Weihnachtsfeiern

Schon bevor Krüger in Blankensee einzog, engagierte er sich für Queer-Strelitz. 2018 half er erstmals mit, einen CSD in Neustrelitz auf die Beine zu stellen. 2019 wurde dann Queer-Strelitz gegründet. Der Verein plant gemeinsames Pilzesammeln, Flussfahrten, ein queeres Beachvolleyballturnier, Kinoabende, Lesungen, queere Weihnachtspartys und Winterwanderungen. „Hier auf dem Land existieren queere Strukturen so gut wie nicht“, sagt Krüger, „queere Vereine sind so wichtig, weil sie das Gefühl geben, dass du nicht alleine bist und du ein offenes Leben führen kannst.“

Gleichzeitig sind die Rechte queerer Menschen vielen immer noch ein Dorn im Auge. Auch deswegen hat Queer-Strelitz keinen eigenen Raum angemietet. Man trifft sich privat in den Wohnzimmern der Mitglieder. „Bei unseren Kollegen von [2][queerNB] in Neubrandenburg wurde schon so oft die Regenbogenfahne abgerissen, die Eingangstür besprüht oder rechte Sticker hingeklebt“, erzählt Krüger.

Vom Nazi zum CSD-Fan

Queer-Strelitz hält Vorträge vor Schulen oder bei der Polizei und organisiert alle zwei Jahre den CSD. „Wir wollen sichtbar sein, auch für Menschen, die sonst nie mit Queerness zu tun haben, und durch den direkten Kontakt ihre Vorurteile abbauen“, sagt Krüger. Mit leuchtenden Augen erzählt er von einer Begegnung auf der Tanzfläche bei der Aftershow des CSD: „Da kam einfach jemand Fremdes, umarmte mich und erzählte mir, dass er vor zwei Jahren noch Neonazi war.“ Dann sei er einmal auf einen CSD gegangen, nur um sich das mal anzuschauen. „Er war total überwältigt, wie freundlich fremde Menschen, die er eigentlich hasst, zu ihm waren“, sagt der CSD-Veranstalter. „Das hat sein Leben verändert.“ Der ehemalige Nazi sei jetzt ein regelmäßiger CSD-Gänger und habe seinen Freundeskreis umgebaut, erzählt Krüger: „Dafür lohnt sich jede Arbeitsstunde, jedes geraufte Haar.“

Auch 2028 werden wieder Hunderte von Menschen tanzend durch Neustrelitz demonstrieren. Christian Arnold Krüger freut sich schon darauf, will aber irgendwann gar nicht mehr auf die Straße gehen müssen: „Ich wünsche mir, dass wir irgendwann keinen CSD mehr brauchen, dass es dem Freundeskreis, dem Arbeitgeber, der Familie und der Gesellschaft egal ist, ob du schwul, trans, hetero oder bi bist.“

10 Sep 2026

[1] https://queerstrelitz.de/

[2] https://queernb.de/

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Gustav Cattapan

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