taz.de -- Neuwahl-Debatte in der Ukraine: Die Legitimation bröckelt

Der geschasste Verteidigungsminister fordert Präsidentschaftswahlen. Auch wenn das in Kriegszeiten nicht geht – seine Argumente sind nachvollziehbar.

Bild: Protest in Kyiv gegen die Absetzung des Verteidigunsministers Mychajlo Fedorow. Der fordert jetzt Neuwahlen in der Ukraine

Nein, Mychajlo Fedorow hat sich nicht in der Schmoll-Ecke verkrochen, ganz im Gegenteil. Der ehemalige ukrainische Verteidigungsminister, [1][dessen Absetzung im Juli in der Ukraine Proteste ausgelöst hatte], redet Tacheles. Jetzt fordert er neue Präsidentschaftswahlen. Dies hatten in der Vergangenheit übrigens auch Donald Trump und Wladimir Putin getan; ihre Einstellung zu freien und fairen Wahlen dürfte bekannt sein.

Klar: Wahlen unter Kriegsrecht sind laut ukrainischer Verfassung verboten. Doch Fedorows Argumentation ist nachvollziehbar. Wie legitim kann ein vom Volk auf fünf Jahre gewähltes Staatsoberhaupt noch sein, das bereits seit 2019 im Amt ist? Zumal Russlands Angriffskrieg noch Jahre dauern könnte.

Demokratie sei kein Luxus in Friedenszeiten, sondern ein Teil dessen, wofür die Ukraine heute kämpfe, sagt Fedorow. Dabei sind ihm die rein praktischen Herausforderungen durchaus präsent. Millionen Ukrainer*innen haben ihr Land verlassen, die Zahl der Binnengeflüchteten geht ebenfalls in die Millionen. Nicht nur frontnahe Gebiete stehen unter Dauerbeschuss. Wie sollen da – auch unter den Armeeangehörigen – demokratische Wahlen organisiert werden, die diesen Namen verdienen? Antworten auf diese Fragen bleibt Fedorow schuldig.

Wahlen, die Fedorow jetzt ins Spiel bringt, sind nur ein Aspekt seiner Manöverkritik. Genauso wichtig [2][sind Korruptionsskandale im Umfeld von Präsident Selenskyj] sowie dessen erratische Personalpolitik. Es ist ein offenes Geheimnis, dass für Selenskyj unbedingte Loyalität mehr wiegt als Kompetenz und Veränderungswillen.

Apropos Korruption: Am Mittwoch wurden mehrere Razzien durchgeführt, darunter auch bei der Vize-Chefin des Präsidialamtes, Iryna Mudra. Sie wurde entlassen. Offensichtlich machen die Anti-Korruptionsbehörden ihren Job. In Zeiten wie diesen verdient allein diese Entschlossenheit Respekt.

19 Aug 2026

[1] /Neuer-Minister-in-der-Ukraine/!6199765

[2] /Korruptionsskandal-in-der-Ukraine/!6130230

AUTOREN

Barbara Oertel

TAGS

Reden wir darüber

Wolodymyr Selenskyj

Schwerpunkt Krieg in der Ukraine

GNS

ARTIKEL ZUM THEMA

+++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: Mehrere Tote und viele Verletzte nach Angriff auf Kyjiw

In der Nacht zu Donnerstag haben russische Raketen mindestens sechs Menschen getötet. Die Ukraine hat ihre Angriffe ebenfalls verstärkt.

Neuer ukrainischer Verteidigungsminister: Machtkampf in Kyjiw vorerst entschieden

Jewhen Chmara ist neuer Verteidigungsminister der Ukraine. Die Rückkehr seines beliebten Vorgängers ist damit vom Tisch. Dieser fordert nun Neuwahlen.

Neuer Minister in der Ukraine: Selenskyj will die Akte Fedorow schließen

Medienberichten zufolge steht der Nachfolger für den geschassten Verteidigungsminister fest. Für Freitag sind jetzt wieder Proteste angekündigt.

Proteste gegen Selenskyj: Es geht um mehr als eine Personalie

Ein Ziel hat die Protestbewegung in Kyjiw erreicht – der Armeechef Syrskyj muss gehen. Der steht aber für etwas Grundsätzlicheres: den brutalen Umgang mit Soldaten.

Nach tagelangen Protesten in der Ukraine: Selenskyj entlässt Armeechef Syrskyj

Nach Verteidigungsminister Fedorow entlässt Selenskyj auch den umstrittenen Olexander Syrskyj. Und hat mit Mychajlo Drapatyj schon einen neuen Oberbefehlshaber.

Proxied content from gemini://taz.de/%216205543 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216205543
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.