taz.de -- Longlist zum Deutschen Buchpreis: Ein jeder wird geboren

Heimaterkundung bedeutet im Jahr 2026 nicht nur Fischen in der bundesrepublikanischen Ursuppe: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis ist da.

Bild: Die Longlist ist raus und wir finden viele Bekannte

Ohne Giuliano Musio zu nahe treten zu wollen, ist sein nun für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman vielleicht der einzige auf der Liste, der keinesfalls der eigenen Biografie entlehnt sein kann. „Aus anderem Holz“ (luftschacht) folgt dem jungen Pinò bei seinen familiären Nachforschungen und bearbeitet darin, der Titel verrät es, den Pinocchio-Stoff neu. Gut, wenig biografische Nähe besteht auch [1][zwischen Elias Hirschl und seiner Protagonistin aus „Schleifen“ (Zsolnay),] der sprachverrückten Mathematikern Franziska Denk aus dem Wien des frühen 20. Jahrhundert und genauso wenig muss im Fall [2][von Svenja Leibers „Nelka“ (Suhrkamp)] ein persönliches Interesse am Schicksal der NS-Zwangsarbeiterinnen vorliegen, doch ansonsten fällt wie auch in den letzten Jahren auf: Der Trend geht in Richtung Familiengeschichte, in Richtung Stammbaumerkundung.

Ein jeder wird geboren, ein jeder stirbt. Während Letzteres ganz gut allein geht, ist die notwendige Anwesenheit mindestens einer anderen Person bei Ersterem schon in der Verbform angelegt. Familie ist eine komplizierte Angelegenheit, davon kann etwa Lilli Tolkien ein Lied singen, die in „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ (Aufbau) das eigene Aufwachsen in einem verwahrlosten Kreuzberger Männerhaushalt verarbeitet.

Bei Leh-Wei Liao sorgt das plötzliche Auftauchen einer Mutter in „Glaszeit“ (Luchterhand) für Kopfzerbrechen. Franziska Gänsler geht in „Orca“ (Kein & Aber) zurück in die Zeit der großen Fragen und großen Jugendfreundschaften, und auch [3][Ingo Schulze] erzählt in „Das Wasser im August“ von der ersten Liebe wie den ersten Schreibversuchen.

Dabei drängen so einige Familienerkundungen gen Osten: [4][Lukas Rietzschel etwa mit seinem Roman „Sanditz“ (dtv)] über eine DDR-Kleinstadt im Braunkohlerevier oder Helene Bukowski, [5][deren Roman „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ (claasen) schon im Frühjahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.] Fünf der auf der Longlist stehenden Romane bohren so die ostdeutsche Geschichte an, was in Hinblick auf die realen Bevölkerungsverhältnisse (nur etwa 15 Prozent der Deutschen leben in den einstigen ostdeutschen Bundesländern) für eine gewisse Dringlichkeit spricht, die sich in politischen Debatten spiegelt: Immerhin droht im Osten Deutschlands erstmals seit doch einigen Jahren die Macht wieder dem rechtsradikalen Lager zuzufallen.

Vielgestaltige Heimaterkundung

Zum Thema Repräsentation vielleicht noch dies: 13 nominierte Autorinnen stehen sieben Autoren gegenüber. Und Heimaterkundung bedeutet im Jahr 2026 eben nicht zwangsläufig den Sprung in die bundesrepublikanische Ursuppe. In Shida Bazyars literarischer Provinzerforschung des Hunsrücks, „Die Lücken“ (Kiepenheuer & Witsch), greifen die Schicksale von NS-Profiteuren, enteigneter jüdischer Familien und aus dem Iran Geflüchteter ineinander. Alisha Gamisch erzählt in „Parasiti“ (Voland & Quist) vom Leben russlanddeutscher Frauen, und Muri Darida verknüpft in „King Cobra“ (dtv) ein Familiengeheimnis mit dem Ungarnaufstand 1956.

Vonseiten der Jury formuliert man es so: „Wir sind sehr angetan davon, wie markant und erhellend biografische Mehrsprachigkeit in literarischen Reichtum mündet“, sagt Jury-Sprecherin Cornelia Geißler (Berliner Zeitung). Neben Geißler beschieden in diesem Jahr Theresa Donner (Buchhandlung heiter bis wolkig, Halle/Saale), Jan Ehlert (NDR), Maha El Hissy (freie Kritikerin), Emily Grunert (Literaturbüro NRW), Stefanie Kreuzer (Universität Kassel) und Adam Soboczynski (Die Zeit) über die 205 eingereichten Romane – und darüber, wer am Ende das Preisgeld von 25.000 Euro einstreicht. Die Preisverleihung findet am 5. Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse statt.

Neben den bereits Genannten stehen ferner Miriam Carbe, „Unerwünschte Töchter“ (Hanser), [6][Tomer Gardi, „Liefern“ (Tropen)], Valeria Gordeev, „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ (S. Fischer), Peggy Mädler, „Selbstregulierung des Herzens“ (Galiani), Yade Yasemin Önder, „Anti Müller“ (park x ullstein), Heinz Strunk, „Memories of Heidelberg“ (Rowohlt), Karosh Taha, „Gulistan“ (Dumont) und Dana Vowinckel, „Anton und Alma“ (Suhrkamp) auf der Longlist.

11 Aug 2026

[1] /Neuer-Roman-von-Elias-Hirschl/!6171150

[2] /Roman-Nelka-von-Svenja-Leiber/!6173056

[3] /Streit-um-Roman-Gittersee/!6173283

[4] /Lukas-Rietzschel-Sanditz/!6156914

[5] /Neuer-Roman-von-Helene-Bukowski/!6157072

[6] /Buch-ueber-Lieferungen/!6155252

AUTOREN

Julia Hubernagel

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