taz.de -- Die Wahrheit: Obdachlose in die Tresorräume!
Ein Musikfestival in Belfast möchte eine saubere Stadt präsentieren. Da stören Obdachlose nur. Die müssen derweil in ehemaligen Banken schlafen.
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Belfast wollte sich von seiner schönsten Seite präsentieren. Die nordirische Hauptstadt war zum ersten Mal Gastgeber des Fleadh Cheoil, des Musikfestivals, das jedes Jahr von einer anderen Stadt oder Gemeinde ausgerichtet wird. Eine Woche lang brummte die Stadt, die den Ruf als gefährliches Zentrum des gewalttätigen Nordirland-Konflikts mit 3.600 Toten längst hinter sich gelassen hat.
Wenn da nur nicht die Obdachlosen wären. Die störten das neue, saubere Image. Deshalb mussten sie verschwinden. Laut „The People’s Kitchen“, der einzigen Anlaufstelle der Stadt, die Obdachlosen Essen anbietet, haben Polizeibeamte damit gedroht, Menschen zu verhaften, wenn sie in der Innenstadt auch nur ihren Schlafsack auf den Boden legten oder sich gar daraufsetzten, geschweige denn zum Schlafen hineinschlüpften.
„The People’s Kitchen“ musste deshalb an die Antrim Road außerhalb der Festivalzone umziehen, und zwar in die Tresorräume einer ehemaligen Filiale der Ulster Bank, die bis zum Rand mit Lebensmittel- und Kleiderspenden gefüllt waren. Die Wohltätigkeitsorganisation stellt 1.200 Mahlzeiten pro Woche bereit. Der Gründer Paul McCusker sagt: „Dort, wo viele der Veranstaltungen stattfinden, gibt es Obdachlose, für die die Straße eigentlich ihr Zuhause ist.“ Aber wenn man mit einem Pint Guinness in der Hand dem fröhlichen Lied eines Straßenmusikers lauscht, will man keine hungrigen Menschen sehen.
Der [1][Fleadh Cheoil] hat sich von bescheidenen Anfängen 1951 in der Kleinstadt Mullingar zu einem Riesenspektakel entwickelt. Neben den Wettbewerben, an denen rund 6.000 Musikerinnen und Musiker in den verschiedenen Instrumental-, Gesangs- und Tanzkategorien teilnehmen, finden parallel unzählige Sessions und Auftritte von Musikern in Pubs, Clubs, Gemeindehallen, Kirchen und auf den Straßen statt.
Traditionell
Die Sache ist für die Veranstalter höchst lukrativ, rund 800.000 Besucher kamen in der vergangenen Woche nach Belfast und gaben schätzungsweise 50 Millionen Pfund aus, um traditionelle irische Musik zu hören.
Nicht alle Musik ist jedoch willkommen: Der Sprecher des nordirischen Parlaments, Edwin Poots von der Democratic Unionist Party (DUP), hat einen Wutanfall bekommen, nachdem aus einem Imbisswagen das IRA-Lied „[2][Celtic Symphony]“ laut heraus geschallt ist. Der Vorfall bestätigte seine Vorurteile gegen die irische Kultur. Poots ist ein Young-Earth-Kreationist. Er glaubt, dass die Erde nur etwa 6.000 Jahre alt ist, und lehnt die Evolutionstheorie ab. Die Imbiss-Betreiber erklärten, das Lied sei rein versehentlich abgespielt worden. Man sei „absolut bestürzt“ darüber.
Die Bestürzung über die [3][Vertreibung der Obdachlosen] hielt sich dagegen in Grenzen. Vielleicht glaubt Poots, dass Obdachlose genauso ein Fake sind wie Dinosaurier. Denn als die angeblich gelebt haben, gab es die Erde ja noch gar nicht.
10 Aug 2026
LINKS
[1] https://fleadhcheoil.ie/
[2] https://www.youtube.com/watch?v=hqwgH82XWK8
[3] /Vertreibung-von-Obdachlosen/!6199945
AUTOREN
Ralf Sotscheck
Kolumne Die Wahrheit
Nordirland
Belfast
Musikfestival
Reden wir darüber
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