taz.de -- Backlash bei Schönheitsidealen: Verteidigen wir unsere erkämpften Freiheiten!
Statt Body Positivity geht es auf einmal wieder zurück zum Skinny Trend und zu Bodyshaming. Furchtbar. Alle Körper sollen sein dürfen, wie sie sind.
Bild: Zusammen für dick_fette Befreiung, für die Freiheiten aller, gegen Skinniness als Norm
Diesen Sommer ist ein kleines Wunder passiert. Ich trage wieder kurze Hosen und bin dabei entspannt. Was sich wie die normalste Sache der Welt anhört, war ein riesiger Schritt für mich. Denn bis auf wenige Ausnahmen habe ich das seit mehr als 25 Jahren nicht getan. So lange hat es gedauert, zu meinem eigenen Körper zurückzufinden.
Zeitgleich gibt es gerade einen Backlash: statt Body Positivity [1][auf einmal wieder Skinny Trend] und Bodyshaming. Das wurde zuletzt deutlich, als zwei Influencerinnen [2][der Sängerin Ariana Grande] vorwarfen, kein Vorbild mehr für junge Mädchen zu sein. Achtung Magersuchtgefahr!, hieß es. Wieder einmal stand nicht das Werk einer Künstlerin zur Debatte, sondern ihr Äußeres.
Dann lese ich, dass sich die Zahl der wegen einer Essstörung klinisch behandelten jungen Frauen und Mädchen seit 2004 [3][mehr als verdoppelt] hat. Und in der Zeit schreibt eine Autorin, dass sie wegen des Skinny-Revivals wieder [4][an ihrem Körper zu zweifeln beginnt]. Ich möchte ihr zurufen: bitte nicht! Ich selbst habe mir seit Teenagertagen jeden Sommer einen abgeschwitzt, nur damit niemals jemand eine Delle auf meinen Beinen zu sehen bekam.
Bis zur Pubertät habe ich mich in meinem Körper wohlgefühlt, aber dann meinte ich, pummelig geworden zu sein. Plötzlich waren da Brüste, eine breitere Hüfte. [5][Ich wurde begafft] und begann, mich in weiter Kleidung zu verstecken, nahm nicht mehr am Schwimmunterricht teil, entwickelte eine Essstörung.
Heute ist mir klar, dass man als heranwachsende Frau ständig sexualisiert wird. Damals hatte ich keine Worte dafür. Ein Mädchen zu sein, war doof, und ein knabenhafter Körper versprach viele Vorteile. Ich wollte dünn sein wie Models in Zeitschriften. Mit der Zeit bekam ich mein Essverhalten jedoch wieder in den Griff.
Unter Nackten fühle ich mich heute wohl
War damit etwas gelöst? Eher nicht, denn auch wenn ich „normal“ erschien, fand ich mich abwechselnd zu dick, zu alt oder zu hässlich. Ich kaufte kurze Kleidung, entschied aber dann doch, in langen Sachen durch die Gegend zu schlurfen, weil ich alle Welt schöner fand als mich selbst.
„Wie sollen wir uns weiter emanzipieren, wenn nur Frauen mit perfekten Beinen in Hotpants rumlaufen?“, fragte mich einmal eine Arbeitskollegin, und ich fühlte mich sofort schlecht, weil ich mit meinem geringen Selbstbewusstsein den Feminismus verriet.
Etwa zu dieser Zeit las ich „Fleischmarkt“ [6][von Laurie Penny] und verstand den Zusammenhang zwischen [7][Male Gaze], Kapitalismus und Selbsthass. Ich dachte: Wenn wir ständig mit unserem Körper unzufrieden sind, fehlt uns die Zeit, um eigene Rechte einzufordern oder zu verteidigen. Rückblickend war das ein erster Schritt in einem langen Genesungsprozess.
Auf dem Weg, mich in meinem Körper wieder wohlzufühlen, halfen mir [8][Theaterstücke von Florentina Holzinger], in denen nackte Frauen mit den unterschiedlichsten Körpern schwindelerregende Akrobatik vorführen. Mir halfen Partner, die meinen Körper liebten, so wie er war, und Freundinnen, die mir Komplimente machten.
Ich entdeckte Sauna und FKK. Unter Nackten fühle ich mich heute wohl: Männer, Frauen, Nonbinäre, Dicke, Dünne, Ältere. Ich denke, es ist ein Geschenk, dass manche Leute nicht so verklemmt sind.
Am FKK-Strand sind mir die Angezogenen, die in ihren Booten extra nah vorbeipaddeln, inzwischen herzlich egal, und ich lächle schadenfroh, wenn sie beim Gaffen ins Absperrseil geraten. Wie schön es ist, sich hier anzufreunden, Community zu sein und Spanner gemeinsam zu vertreiben.
Mein Körper, meine Beinhaare, meine Dellen
Jetzt, wo die Abnehmspritze da ist und Dünnsein das neue, alte Ding, sollen wir uns für unsere Körper also wieder schämen? Nein! Wir dürfen uns erkämpfte Freiheiten nicht nehmen lassen.
Die starken Körper, aber auch die schwachen, alle dürfen einfach sein. Mein Körper, meine Beinhaare, meine Dellen, sie alle wollen sich jedenfalls nicht mehr einsperren lassen. Man muss nur einmal über die komischen Blicke hinwegkommen.
Kaum zu glauben, wie gut es sich anfühlt, in kurzen Sachen durch Berlin zu radeln – in einer engen Shorts mit Schlange auf dem Arsch, die alle beißt, die gaffen. Aber erstaunlicherweise gafft niemand. Ich glaube, weil ich ausstrahle, dass ich mich in meinem Körper wohl fühle. Leute, habt Mut, eure eigenen Schönheitsideale zu feiern!
15 Aug 2026
LINKS
[1] /Schoenheitsideale-in-der-Modewelt/!6044396
[2] /Unangemessene-Kommentare-zu-Koerpern-Sonderfall-Popstars/!6201336
[3] https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/essstoerung-krankenhaus-magersucht-100.html
[4] https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2026-07/skinny-trend-schoenheitsideal-abnehmen-emanzipation-ozempic-gxe
[5] /Weibliche-Koerper/!6074526
[6] /Laurie-Penny/!t5268121
[7] /Der-maennliche-Blick/!5731502
[8] /Florentina-Holzinger/!t5669371
AUTOREN
Anna Fastabend
Kolumne Starke Gefühle
Body Positivity
Körperkult
Körper
Social-Auswahl
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