taz.de -- Reisen in Mexiko: Wir sollten die Welt als Teppich erzählen
Nationale Narrative sind wirkmächtig. Viel akkurater bei der Erzählung der Welt aber sind Kulturregionen. Ein paar Gedanken aus Monterrey.
Bild: Fühlt sich an wie in den USA: Monterrey in Mexiko
Monterrey hat einen seltsamen Vibe. Ich wohne im Zentrum der nordmexikanischen Stadt, aber es fühlt sich nicht wie ein Zentrum an. Überall sind umzäunte Fabriken, rauchende Schlote ragen in die Luft, Förderbänder ziehen sich durch die Stadt wie in einem Klischeefilm übers Ruhrgebiet aus den 1950ern.
In kleinen Werkstätten sitzen Männer um Berge von Industriegütern und Elektronik. Monterrey ist ein Fertigungszentrum Mexikos, vor allem für den US-amerikanischen Markt. Die Luftqualität ist an schlechten Tagen eine der schlimmsten der Welt; auch, weil die USA [1][fast die Hälfte ihrer exportierten Giftabfälle hierher bringen]. Wie die ausgelagerten Kosten des Kapitalismus aussehen und wie sie Tausende Leben pro Jahr fordern, das kann man in Monterrey erleben.
All das ist das Thema meiner Recherche, und auch im Privaten lässt sich ihm nicht entkommen. Ich habe Halsschmerzen von der Luft, bin kurzatmig, und bald bleibe ich möglichst drinnen. Ohnehin ist Monterrey bei Nacht die einzige Stadt in Mexiko, in der ich mich nicht sicher fühle: Die Straßen sind bis auf wenige Männer menschenleer, es ist unüblich still. Meine beiden vorherigen Stationen, das hübsche Morelia und das lebhafte Guadalajara, wirkten sehr mexikanisch.
Die vollen Plätze, auf denen Menschen bis spät in die Nacht Tacos oder Süßigkeiten kaufen, die jugendlichen Subkulturen und die Musik auf den Straßen. Monterrey mit seinen Malls und breiten Highways, den Vorstadtsiedlungen und der Autokultur fühlt sich an, als sei ich schon halb in den USA.
Auf [2][meinem Roadtrip zur Fußball-WM] auf fast 4.000 Kilometern im Bus lerne ich eines: Wie konstruiert sie ist, diese Erzählung von der Nation. Die Städte [3][vom Süden Mexikos bis ins Zentrum der USA] wirken wie ein Teil eines Teppichs: miteinander verknüpft und dabei fließend von einer Teppichfarbe in eine andere übergehend.
Geschlossene Diskursbubble
Oft tragen sie noch Teile des Garns der vorigen Stadt in sich. In Dallas durchquere ich Viertel, in denen sich endlos mexikanische Restaurants und Läden aneinander reihen. Der ÖPNV ist zweisprachig; ein Taxifahrer erzählt mir, ein Gutteil seiner Kundschaft spreche nur Spanisch. Auch in den Supermärkten ist alles wie drüben, aber in US-amerikanischer Gigantik.
Die Nation ist wirkmächtig, weil sie eine geschlossene Diskursbubble bildet. Aber viel akkurater bei der Erzählung der Welt sind Kulturregionen. Sie lassen sich nicht in ein Label pressen. Sie sind fluide. Und keine Mauer der Welt kann ihre jahrhundertealten Verbindungen kappen. Die Menschheit wäre wohl besser dran, würden wir die Welt als Teppich erzählen. Und nicht als ein Nebeneinander von Fliesen.
17 Aug 2026
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AUTOREN
Alina Schwermer
Mexiko
Ruhrgebiet
Kolumne Hin und weg
Reiseland Mexiko
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