taz.de -- Keine vereinfachte Aufnahme mehr: EU erschwert Ukrainern Flucht vor Krieg
Viele ukrainische Männer wollen nicht im Krieg gegen Russland kämpfen – sie fliehen etwa nach Deutschland. Doch das wird jetzt schwieriger. Was ändert sich?
Bild: Ukrainischer Soldat im Einsatz. Das wollen viele ukrainische Männer nicht und sind vor dem Krieg geflohen
dpa | Fast 4,4 Millionen Menschen aus der Ukraine haben bisher in der Europäischen Union Schutz gefunden. Doch die EU erschwert ukrainischen Männern nun die Flucht vor dem Krieg gegen Russland: Wehrfähige Ukrainer profitieren in Deutschland und anderen EU-Staaten künftig nicht mehr von vereinfachten Aufnahmeregeln, wie ein Sprecher nach einem entsprechenden Beschluss des Rates der Mitgliedstaaten sagte. [1][Die Verordnung] wird demnach in Kürze im EU-Amtsblatt veröffentlicht, einen Tag später [2][treten die neuen Regeln in Kraft].
Ist die Tür für wehrfähige Männer damit komplett geschlossen und für wen gibt es Ausnahmen? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Warum wird die Flucht in die EU erschwert?
Das [3][von Russland angegriffene Land] braucht weiter viele Soldaten. Nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj mobilisiert die Ukraine monatlich bis zu 34.000 Mann. Wegen der hohen Zahl von Fahnenflüchtigen kann die Armee ihre Verluste damit jedoch kaum ausgleichen. Nach Auskunft von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow wird nach mehr als zwei Millionen Wehrpflichtigen gefahndet.
Die EU-Kommission folgt nach eigenen Aussagen vor allem einer Bitte der Ukraine, die aber auch Deutschland und andere Mitgliedsländer befürworteten. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner hatte gesagt, das Thema sei ausführlich mit der ukrainischen Seite besprochen worden.
Wer ist betroffen?
Künftig sollen nur noch diejenigen von vereinfachten Aufnahmeregeln profitieren, die ihren Wehrdienst in der Ukraine geleistet haben oder freigestellt sind. Wer in der Ukraine wegen des Krieges hingegen einem Ausreiseverbot unterliegt, soll es in der EU deutlich schwerer haben, Schutz zu bekommen.
Nach den derzeitigen ukrainischen Regeln wären davon besonders wehrfähige Männer zwischen 23 und 60 Jahren betroffen. Ausnahmen – die auch in der EU berücksichtigt werden sollen – gelten für Väter von mindestens drei minderjährigen Kindern oder für diejenigen, die aus gesundheitlichen Gründen vom Wehrdienst freigestellt sind. Ihnen bleibt künftig nur die Möglichkeit eines Asylantrags, sie hätten also deutlich geringere Aussichten auf Schutz und eine Aufenthaltserlaubnis.
Was ist mit den Ukrainern, die schon in der EU sind?
Die neuen Regeln sollen nur bei Männern Anwendung finden, die neu in die EU kommen. Wer bereits einen Schutzstatus bekommen hat, verliert ihn also nicht. Abgesehen von den Einschränkungen für wehrpflichtige Männer sind die vereinfachten Aufnahmeregeln bis März 2028 verlängert worden.
Frauen, Kinder oder Männer mit Ausreiseerlaubnis erhalten also auch künftig nach der sogenannten Massenzustromrichtlinie Aufnahme. Ihre Schutzersuchen werden also nicht individuell geprüft. Das macht es Ukrainern bisher wesentlich leichter, in der EU Schutz zu erhalten, als flüchtenden Menschen aus anderen Staaten.
Wie steht die Bundesregierung dazu?
Deutschland hatte sich auf EU-Ebene klar für Einschränkungen beim Schutzstatus für Männer ausgesprochen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte die Idee bei einem Treffen mit seinen EU-Amtskollegen befürwortet. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) betonte, es sei wichtig, dass die Ukraine wehrfähig bleibe.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte sich bereits vergangenes Jahr deutlich positioniert und vom ukrainischen Präsidenten Selenskyj strengere Ausreisebestimmungen für junge Männer gefordert. „Ich habe ihn gebeten, dafür zu sorgen, dass diese jungen Männer im Land bleiben, weil sie im Land gebraucht werden und nicht in Deutschland“, sagte Merz.
Was wird an den verschärften Aufnahmeregeln kritisiert?
Besonders Grüne und Linke hatten Kritik an Einschränkungen für Männer geäußert. Grünen-Migrationsexpertin Filiz Polat warnte, für die Mitgliedsstaaten würde ein Ausschluss von Männern im wehrpflichtigen Alter zu einem bürokratischen Mehraufwand führen und mit einem unschönen Prüfaufwand bei den Kommunen verbunden sein.
Die Bundestagsabgeordnete fügte hinzu, es sei schon jetzt erkennbar, dass die Einschränkungen im temporären Schutz viele betroffene Männer in das reguläre Asylverfahren drängen würden. Dieses steht den ukrainischen Männern dem Vorschlag nach weiterhin offen. Auch das Recht auf subsidiären Schutz bleibt. Der wird in Deutschland gewährt, wenn im Herkunftsland etwa wegen bewaffneter Konflikte ernsthafter Schaden droht.
Die fluchtpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Clara Bünger, sagte, ein „Ausschluss von Männern im wehrfähigen Alter wäre nicht nur für die Betroffenen fatal, sondern zugleich ein Angriff auf das Recht auf Kriegsdienstverweigerung“. Kriegsdienstverweigerung sei [4][ein Menschenrecht,] das in der Ukraine nicht gewährleistet sei. Deshalb müsse diesen Menschen Schutz gewährt werden.
Wie geht die Ukraine mit Männern um, die nicht kämpfen wollen?
In der Ukraine stoßen Rekrutierungskommandos der Armee häufig auf Widerstand. Täglich werden in sozialen Netzwerken neue Videos von Zusammenstößen veröffentlicht, Rekrutierungsunwillige wehren sich zum Teil mit Waffengewalt.
Zwangsrekrutierte werden in gefängnisartigen Einrichtungen festgehalten. Der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Dmytro Lubinez, berichtet regelmäßig über Todesfälle im Rahmen von Zwangsrekrutierungen. Ein kürzlicher Pressebericht deckte Fälle von Prügel, Folter und Quälereien rekrutierter Männer in einer Einheit auf.
30 Jul 2026
LINKS
[1] /EU-Schutzstatus-fuer-Ukrainer/!6191383
[2] /Wehrfaehige-Ukrainer-verlieren-Schutz/!6191011
[3] /Sommerhitze-in-der-Ukraine/!6198584
[4] /Trotz-Ukraine-Krieg/!6182924
Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
Russland
Flüchtlinge
Wehrdienst
Kriegsdienstverweigerung (KDV)
Social-Auswahl
Reden wir darüber
ARTIKEL ZUM THEMA
Schule in der Ukraine: Schulstart in Irpin mit KI und Schutzraum
An dem technologisch ausgerichteten Lyzeum bei Kyjiw beginnt das fünfte Schuljahr im Krieg. Durch die Luftangriffe hat sich das Lernen digital versiert.
+++Krieg in der Ukraine+++: Mindestens 15 Tote in und um Kyjiw
Laut ukrainischer Luftwaffe konnte die Ukraine bei einem nächtlichen russischen Angriff keine einzige Rakete abschießen. Mehrere Tote und Verletzte.
Krieg in der Ukraine: Moskau meldet 635 abgefangene Drohnen
Die Ukraine wehrt sich gegen eine russische Invasion. Bei ihren Gegenangriffen mit Hunderten Drohnen nimmt sie bekannte Ziele ins Visier.
+++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: Wieder Tote bei russischen Raketenangriffen auf die Ukraine
In Polen ist im Zuge der russischen Luftangriffe auf die Ukraine vermutlich eine Rakete abgestürzt. Und die ukrainischen Angriffe auf Russlands Onlinehändler Wildberries gehen weiter.
Ukraines Ex-Präsident entdeckt: Drei Hektar in Sotschi
Journalist*innen haben Ukraines vertriebenen Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch aufgespürt: Er lebt luxuriös im russischen Sotschi.
Selenskyj und Netanjahu in Washington: Gemischte Gefühle
Nacheinander empfängt Trump den israelischen und den ukrainischen Staatschef im Weißen Haus. Die Treffen stehen unter sehr unterschiedlichen Vorzeichen.