taz.de -- Unesco und Waldsiedlung Zehlendorf: Bunt wie ein Papagei zwischen Kiefern und Weltkulturerbe
Mit der Waldsiedlung in Berlin-Zehlendorf wollte man nach dem Ersten Weltkrieg sozialen Wohnraum schaffen. Heute genießt sie Kultstatus. Ein Spaziergang.
Bild: Die „Papageiensiedlung“ in Zehlendorf, hier hat jede Straße ihr eigenes Farbkonzept
Bei der Einfahrt mit der U3 Richtung Krumme Lanke breitet sich rechts und links der Haltestelle Onkel Toms Hütte die Waldsiedlung Zehlendorf aus. Nur wenige Schritte aus der Station heraus genügen, um sich in der Siedlung wiederzufinden, die nicht zur Freude aller Bewohner:innen auf der Unesco-Weltkulturerbe-Liste steht.
Es ist ein regnerischer Tag und die Häuser wirken verlassen. Doch leuchten sie im Kontrast zum Grau des Himmels in bunten Farben. Diese Farbigkeit brachte ihr auch den einst spöttisch gemeinten Namen „Papageiensiedlung“ ein. Die Siedlung ist nach Flächen und Himmelsrichtungen konzipiert. So begegnen die Westfassaden dem Abendlicht in warmem Rotbraun, während die Ostseiten in sanftem Gelb und Grün leuchten. Erst die Details brechen die Monotonie. Dazu gehören dreifarbig abgesetzte Fensterrahmen, rot gefasste Türen oder etwa jenes kräftige Blau als Akzent dazwischen. Und jede Straße hat nochmal ein etwas eigenes Farbkonzept.
Gemeinsam mit Otto Rudolf Salvisberg (südlicher Teil) und Hugo Häring (östlicher Teil) begann [1][Bruno Taut] (nördlicher Teil), trotz Widerstands aus dem Zehlendorfer Villenviertel, für die Wohnungsbaugenossenschaft Gehag mit der Planung der Siedlung. Sie entstand zwischen 1926 und 1932 im Zuge der massiven Wohnungsnot Berlins nach dem Ersten Weltkrieg. Taut verfolgte dabei ursprünglich die klare soziale Idee, Wohnraum für Menschen mit kleinem Einkommen zu schaffen. Mit rund 1.900 Wohneinheiten zählte sie zu den größten Siedlungen des damaligen Deutschlands.
Bitte keine falsche Aufwertung
Am 26. Juli entschied das Unesco-Welterbekomitee, die Waldsiedlung als Erweiterung der Unesco-Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“ anzuerkennen. Doch [2][nicht alle Bewohner:innen begrüßen die Entscheidung]. Einige sprechen von „Etikettenschwindel“. Zwar schätzen sie ihr Zuhause, doch die heutige Bewirtschaftung durch den Konzern Vonovia sei rein profitorientiert und widerspreche den ursprünglichen sozialen Ideen Tauts. Es wird zudem befürchtet, dass der Welterbe-Status die Siedlung weiter als hochpreisiges Prestigeobjekt aufwertet, statt eine sozial und klimapolitisch zeitgemäße Entwicklung zu erleichtern.
Von der U-Bahn-Station aus führt die Argentinische Allee gen Norden. In wenigen Gehminuten passiert man Wohnhäuser mit großzügigen Balkonen, viele sind mit Geranien bepflanzt. Dazwischen leuchten rote Sonnenschirme auf, die gleichfarbige Türumrahmungen ergänzen.
Zunächst scheint niemand da zu sein: keine Bewegung auf den Balkonen, kein Verlassen oder Betreten der Häuser. Belebt wirkt heute nur der stetige Strom vorbeifahrender Autos. Doch dann biegt ein Mann mit seinem Hund um die Ecke, ein anderer trägt ein Fahrrad vor die Tür. Seine blaue Jacke ersetzt das hier fehlende blaue Element an der Fassade. Geht man links der Argentinischen Allee einen kleinen Pfad Richtung Westen ab, folgen ruhig gelegene Einfamilienhäuser. Auch hier finden sich farbige Fassaden und Details.
In Kiefern gebettet
Die Siedlung wurde in den Grunewald hineingebaut, wodurch die Nähe von Natur und Architektur (ähnlich dem [3][Bauhaus]) bewahrt wurde. Denn Wald, Licht, Luft, Sonne, all diese Elemente waren Taut wichtig. Ganz im Gegensatz zu den grauen Hinterhöfen und Mietskasernen des damaligen Berlins. Zwischen den Häuserzeilen wachsen heute noch Kiefern, deren Lichtspiel die Farbigkeit der Fassaden ergänzt und an Südfrankreich erinnern.
Einordnen lässt sich die Siedlung in den Architekturstil des Neuen Bauens. Dieser zeichnet sich durch Klarheit und Einfachheit in der Gestaltung, durch Vorsprünge der Baukörper und hohe räumliche Differenzierung aus. Charakteristisch sind auch die Flachdächer. Konservative Gegner diffamierten diese einst als „architektonisches Verbrechen“ und stellten sie dem „deutschen“ Spitzdach gegenüber. Dieser damals ausgefochtene „Zehlendorfer Dächerkrieg“ stand symbolisch für den Widerstand der Konservativen gegen den sozialen Wandel im Allgemeinen.
Trotz verlassener Häuser und Straßen: Allein ist man nicht. Aus der Ferne wummert ein Technobeat. Und hinter einer Fensterscheibe folgt ein Augenpaar den eigenen Schritten. Eine graue Katze sitzt im Fenster und beobachtet die wenigen Vorbeigehenden.
Eine Ahnung von Sommer
Wie es wohl sein mag, wenn der Sommer sein wahres Gesicht zeigt? Eine Kunsthistorikerin, die zur Miete in einem der Häuser wohnt und ihren Garten umgräbt, berichtet davon, wie belebt die Siedlung bei schönem Wetter sei, wenn die Kinder auf den Straßen umherspringen würden. Überhaupt würde man hier sehr gerne leben zwischen den bunten Fassaden und hohen Kiefern.
Kurz vor Verlassen der Siedlung bricht doch noch die Sonne durch. Und so abrupt, wie die Siedlung aufgetaucht ist, so abrupt endet sie wieder, geht über in graue und braune Häuserzeilen, die neben den bunten Fassaden der Papageiensiedlung umso blasser erscheinen.
26 Jul 2026
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AUTOREN
Rahel Bueb
Unesco-Kulturerbe
Neues Bauen
Architektur
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