taz.de -- Frankreich-Rundfahrt der Radprofis: Der Mythos wird müde

Weil es so spektakulär ist, führt die Tour de France dieses Jahr gleich zweimal über L’Alpe d’Huez. Doch der sportliche Reiz nimmt ab. Und die Natur leidet.

Bild: Aufstieg bei der Tour de France hoch nach L’Alpe d’Huez, Szene aus dem Jahr 2001

Am Freitag und Samstag erobert das Peloton der Tour de France gleich zweimal L’Alpe d’Huez. Einmal, am Freitag, über die bekannten, mit Geschichten aufgeladenen 21 Kehren hinauf zum Skiort. Tags darauf pirschen sich die 164 Fahrer nicht vom Tal von Le Bourg d’Oisans, sondern in einer weiten Schleife über die Cols Croix de Fer, Telegraphe und Galibier an den alten Ziegenpfad über den Col de Sarenne heran, der sie von hinten nach L’Alpe d’Huez heranbringt.

Vom Profil her ist diese 20. Etappe die spektakulärste dieser Tour. Sie löst bei so ziemlich allen, die beim großen Zirkus Tour de France mitreisen, Vorfreude bis Begeisterung aus. Der Deutsche Meister Felix Engelhardt etwa freut sich, bei seiner Debüttour überhaupt erstmals im Wettkampf zur Alpe hochzustiefeln. Er kann sich, wie er sagt, gar nicht recht entscheiden, ob ihn mehr die traditionelle Auffahrt oder die neue große Runde über den Col de Sarenne reizt. Sein Schweizer Teamkollege bei Jayco AlUla, Mauro Schmid, bereits Etappensieger bei dieser Tour, freut sich vor allem auf die Massen an Fans und die Stimmung, die zwei Tage lang am Berg herrscht.

L’Alpe d’Huez hat sich als ultimativer Spektakelort der Tour de France herauskristallisiert. Das war im Jahr 1952 noch nicht abzusehen, als der Italiener Fausto Coppi als Erster die Alpe erklomm. Auf Fotos sieht man ihn vor einer Minikarawane aus Motorrädern und dem Fahrzeug des damaligen Tourdirektors nach oben stürmen. Am Rand der Straße stand damals niemand. Kein Tourist, kein Radsportfanatiker machte sich damals zur Alpe auf.

Sie war damals beileibe nicht das größte Radstadion der Welt, als das sie mittlerweile vermarktet wird. Die Szenerie oben am Ziel war damals derart spartanisch, dass der damalige Tourdirektor Jacques Goddet ernüchtert notierte: „Es gibt keinen Grund, sich für weitere Bergankünfte einzusetzen.“ Die Alpe geriet in Vergessenheit. Die Murmeltiere, die damals Coppis wohl zahlreichste Augenzeugen waren, konnten sich wieder ihrem gewohnten Leben zwischen Höhlen und Wiesen hingeben.

Die großen Duelle am Berg

Erst 1976 kehrte die Tour nach L’Alpe d’Huez zurück. Damals begann das Oranje-Spektakel mit sieben Siegen niederländischer Radprofis binnen 14 Jahren. Das mündete später in Bierzapfanlage und DJ-Boxen in der sogenannten „Holländerkurve“. Zum sportlichen Legendenstatus trug unter anderem die Austragung 1989 bei, als Laurent Fignon seinem US-amerikanischen Rivalen Greg Lemond hier mehr als eine Minute abnahm, um in Paris dann doch mit winzigen acht Sekunden Rückstand zu verlieren. 1997 stiefelte hier „il pirata“ Marco Pantani Jan Ullrich davon. 1986 wiederum war dadurch gekennzeichnet, dass Lemond und Bernard Hinault Arm in Arm den Zielstrich überquerten.

„Ikonisch werden solche Anstiege nicht durch ihre Härte, sondern über die Geschichten, die sie schreiben“, meint Tadej Pogačar und hat recht. Das Problem des Slowenen aber ist: Um selbst in den Geschichtsbüchern zum L’Alpe-Helden zu werden sind ihm die ebenbürtigen Rivalen abhandengekommen. Der einzige, dem man dies hätte zutrauen können, war der Däne Jonas Vingegaard. Doch der ist nach Sturz und Schlüsselbeinbruch bereits in seine Heimat zurückgekehrt.

Damit geht auch das Szenario des aktuellen Tour-Chefs Christian Prudhomme nicht auf. Der hatte das doppelte L’Alpe-d’Huez-Spektakel noch damit begründet, Langeweile in Sachen Gesamtklassement vermeiden zu wollen. „Wir versuchen, die Spannung bis zum Ende aufrechtzuerhalten“, sagte er bei der Vorstellung vor allem der zweiten L’Alpe-d’Huez-Etappe über den Col de Sarenne. Diesen Spannungsbringer, der Pogačar herausfordert, sucht man nach dem Abgang Vingegaards und angesichts des komfortablen Vorsprungs des Slowenen auf den Rest allerdings vergebens.

So rückt denn auch der Protest von Umweltschutzgruppen stärker in den Fokus. Mehr als 15.000 Menschen unterzeichneten die Petition [1][„Nein zur Tour über den Col de Sarenne“]. Denn der einstige Ziegenpfad führt durch den Nationalpark Ecrins, in dem unter anderem die Nachfahren der Murmeltiere, die einst Coppi sahen, ein weiterhin geschütztes Leben führen. Initiator*innen und Unterzeichner*innen der Petition fürchten nicht nur, dass seltene Pflanzen zertrampelt und geschützte Tiere verscheucht werden. „Viele Investoren wollen gern das Skigebiet von L’Alpe d’Huez ausweiten und schielen deshalb nach dem Col de Sarenne. Langfristig bedeutet die Passage der Tour de France einen weiteren Schritt hin zu massiver Überentwicklung“, heißt es in der Petition.

So wie Künstler*innen oft die Avantgarde der Gentrifizierung in Städten sind, drohen Radprofis und Fans zu Vorreitern der Naturzerstörung zu werden. Das ist die dunkle Seite des Mythos L’Alpe d’Huez.

24 Jul 2026

[1] https://www.change.org/p/non-au-passage-du-tour-de-france-2026-au-col-de-sarenne/u/34203850

AUTOREN

Tom Mustroph

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