taz.de -- Buch über Russland und Iran: Eine Partnerschaft des Trotzes
Einst Gegner, jetzt vereint gegen gemeinsame Feinde: Nicole Grajewskis Buch „Russia and Iran“ zeigt die Geschichte der russisch-iranischen Beziehungen.
Bild: Handschlag des russischen Präsidenten Putin und des iranischen Außenministers Araghchi in St. Petersburg im April 2026
Tod für Russland!“ Als protestierende regimekritische Iraner*innen diese Parole riefen, setzten sie sich damit bewusst vom klassischen Mantra der Islamischen Republik ab, das sich seit jeher gegen den „kleinen und den großen Satan“, also Israel und die USA richtet. Als erster Staat hatte Russland damals die gefälschte Wahl von Mahmoud Ahmadinedschad zum iranischen Präsidenten anerkannt und ihn kurz darauf sogar offiziell bei einem internationalen Treffen in Yekaterinburg empfangen.
Im Iran wurde die „Grüne Bewegung“ gegen den Wahlbetrug brutal niedergeschlagen. Dabei waren auch russische Sicherheitsdienste zur Stelle, indem sie Taktiken zur Bekämpfung von Protesten und Aufständen mit ihren iranischen Pendants teilten.
Dieses Schlaglicht aus dem Jahr 2009 ist eine von vielen Episoden der russisch-iranischen Beziehungen, von denen Nicole Grajewski in ihrem aktuellen Buch berichtet. Grajewski ist Assistant Professor am Center for International Studies an der Sciences Po in Paris und arbeitet außerdem bei dem Thinktank Carnegie Endowment for International Peace. Ihr Buch „Russia and Iran“ erzählt die Geschichte der bilateralen Beziehungen mit Schwerpunkt auf der jüngeren Zusammenarbeit in Syrien und in der Ukraine.
„Lange Geschichte voller Misstrauen“
Für viele Iraner*innen war Russlands Agieren im Jahr 2009 kein isoliertes Ereignis, sondern vielmehr Teil einer „langen Geschichte voller Misstrauen und Verrat“, schreibt Grajewski. Im 18. Jahrhundert musste der Iran bedeutende Teile seines Territoriums an das imperiale Russland abtreten.
Im 19. und 20. Jahrhundert mischte sich das Zarenreich mehrfach in interne iranische Angelegenheiten ein und blockierte politische Reformen – stets mit Blick auf weiteren territorialen Zugewinn. 1907 einigten sich Russland und Großbritannien in einem Vertrag darauf, den Iran in Einflusssphären aufzuteilen.
Die Sowjetunion unterstützte separatistische Gruppen im Iran und lieferte im Iran-Irak-Krieg (1980–88) Waffen an den irakischen Diktator Saddam Hussein. Auch die Annullierung von umfassenden Waffenlieferungen nach dem Ende der Sowjetunion und Moskaus Unterstützung für UN-Sanktionen gegen das iranische Atomprogramm waren keine vertrauensbildenden Maßnahmen. Mit Putins zweiter Amtszeit ab 2012 begann allerdings eine neue Ära im russisch-iranischen Verhältnis.
Gemeinsam für Baschar al-Assad
[1][Am eindrucksvollsten zeigte sich das in der gemeinsamen militärischen Unterstützung des syrischen Diktators Baschar al-Assad ab 2015]. Im Zuge der russischen Vollinvasion in die Ukraine ab 2022 veränderten sich mit der umfassenden Lieferung von iranischen Drohnen und Munition an Russland das Rollenverhältnis. In den Jahrzehnten davor war Russland in der Regel nicht Empfänger, sondern Exporteur von militärischem Gerät.
Auch bei der brutalen Niederschlagung der Proteste der iranischen Bevölkerung durch das islamistische Regime in Teheran Anfang dieses Jahres spielte russische Unterstützung eine Rolle. Die beiden Regime unterstützen sich aber nicht um jeden Preis. Denn aller ideologischen Mobilmachung gegen „den Westen“ und die USA zum Trotz hat diese Zusammenarbeit auch Grenzen.
Eine direkte militärische Zusammenarbeit hält Grajewski derzeit für äußerst unrealistisch. Das Verhältnis der beiden Autokratien bezeichnet sie daher dezidiert nicht als Allianz, sondern als strategische „partnership of defiance“, also als Partnerschaft des Trotzes. So ist im gemeinsamen Partnerschaftsabkommen von Januar 2025 zwar viel von militärisch-technischer Zusammenarbeit die Rede – aber nicht von einer Verpflichtung zu direktem militärischem Beistand.
Der jetzige Iran-Krieg hat keine Berücksichtigung mehr in Grajewskis Buch gefunden. Wer [2][die aktuellen Entwicklungen in der internationalen Politik] besser verstehen möchte, sollte „Russia and Iran“ aber dennoch lesen.
30 Jul 2026
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AUTOREN
Till Schmidt
wochentaz
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Waffenlieferung
Zeitgeschichte
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