taz.de -- Geschlechtstest im Tennis: Mit Speicheltest die Identität ermitteln
Die Women’s Tennis Association beugt sich dem Druck Donald Trumps und des IOC. Sie führt die umstrittenen Geschlechtstests ein.
Bild: Biologismus pur: Wer an Tennisturnieren teilnehmen will, soll vorab auf das SRY-Gen getestet werden
Ab sofort müssen sich weibliche Tennisprofis einem [1][obligatorischen Gentest] unterziehen. Das hat die Women’s Tennis Association (WTA) beschlossen. Getestet wird ihre Weiblichkeit „auf der Grundlage des biologischen Geschlechts“. Die WTA beugt sich damit dem [2][Internationalen Olympischen Komitee] (IOC), das solche Tests für Sportlerinnen im März eingeführt hat. Das IOC seinerseits beugt sich einer Anordnung des US-Präsidenten Donald Trump, der verhindern möchte, dass etwa trans Sportlerinnen oder intergeschlechtliche Personen an den Frauenwettbewerben der Olympischen Sommerspielen 2028 in Los Angeles teilnehmen.
Die Teilnahmeberechtigung für WTA-Turniere soll durch ein einmaliges Screening auf das [3][SRY-Gen] nachgewiesen werden. Dabei wird untersucht, ob das auf dem Y-Chromosom liegende Gen vorhanden ist, das für die Entwicklung männlicher Geschlechtsmerkmale wichtig ist.
Einwände kommen unter anderem von Andrew Sinclair, dem Genetiker, der erstmals das SRY-Gen identifizierte. Ihm zufolge verrät der Test „nichts darüber, wie das SRY-Gen funktioniert, ob sich ein Hoden gebildet hat, ob Testosteron produziert wird und – falls dies der Fall ist – ob der Körper dieses verwerten kann“.
Dass die WTA sich dem Diktat beugt, irritiert etliche Beobachter. Anders als etwa [4][Leichtathletik] und Skisport ist Profitennis nicht vom IOC abhängig. Zudem wurde die WTA 1973 explizit als eine Art Gewerkschaft gegründet, als Organisation, die die Interessen der weiblichen Tennisprofis vertritt.
Initiatorin war [5][Billie Jean King], die sich des Öfteren zu dem Thema geäußert hat. „Ich bin stolz darauf, alle trans Sportlerinnen und Sportler zu unterstützen, die lediglich den Zugang und die Möglichkeit suchen, den Sport auszuüben, den sie lieben“, hatte King 2020 geschrieben. „Die weltweite Sportgemeinschaft wird stärker, wenn wir alle Athleten willkommen heißen und unterstützen – einschließlich LGBTQI+-Athleten.“
Nachdem bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin Gerüchte aufkamen, es gebe Männer, die in Frauenkleidern bei der Leichtathletik anträten, hatte der US-Olympiafunktionär [6][Avery Brundage] Geschlechtstests für Frauen gefordert. Ab 1948, den Spielen in London, mussten Sportlerinnen medizinische Zertifikate vorlegen. Obligatorische Tests wurden 1966 eingeführt: bei den Leichtathletik-Europameisterschaften wurde an Frauen eine „visuelle Überprüfung“ vorgenommen. Sportlerinnen berichteten von entwürdigenden „Nacktparaden“, bei denen sie sich vor einer männlichen Kommission präsentieren mussten. 1968 wurden diese demütigenden Überprüfungen zugunsten des Barr-Body-Tests abgeschafft, einer Speichelprobe zur Ermittlung von Chromosomen. 1988 stellte der Leichtathletikverband diese Tests ein, das IOC folgte 1992. Andere Tests, die ihn ersetzen sollten, erwiesen sich ebenfalls als untauglich. 1999 wurden Geschlechtstests abgeschafft. (makr, mit dpa)
21 Jul 2026
LINKS
[1] /Kritik-an-sogenannten-Geschlechtstests/!6166754
[2] /IOC/!t5011449
[3] /Menschliches-Genom/!5179573
[4] /Diskriminierung-im-Sport/!6107561
[5] /Equal-Pay-im-Sport/!5451137
[6] https://taz.de/Eine-Ausstellung-ueber-die-Nazi-Spiele-1936/!1124806/
AUTOREN
Martin Krauss
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