taz.de -- Videobeweis im Profifußball: Es geht auch einfach
Mit immer mehr technischem Aufwand versucht die Fifa, den Fußball gerechter zu machen. Dabei bleibt der Sinn mancher Regel auf der Strecke.
Bild: Abseits? Keiner hat's gesehen, nur der Ball hat's gespürt: Kroatiens Joško Gvardiol nach seinem später annullierten Treffer
Fußball ist ein einfaches Spiel. Ein Ball, ein paar Spieler, irgendwas, mit dem man die Tore markiert, eine ebene Fläche. Mehr braucht es nicht. Und manchmal nicht einmal einen Ball. Eine Cola-Büchse tut es doch auch. Auf den Schulhöfen, in Parks, auf leeren Supermarkparkplätzen wird gekickt. Die Teams verständigen sich kurz über die Regeln. Manchmal wird ohne Abseits gespielt, mal mit Bande, weil der Zaun am Bolzplatz wie dafür gemacht ist. Einen Schiedsrichter braucht es auch nicht. Wer gefoult wird, zeigt an, dass er einen Freistoß möchte.
Manchmal gibt es Auseinandersetzungen. Drin oder nicht drin, das ist meist die Frage. Leicht lässt sich das nicht entscheiden, wenn die Torbegrenzung durch einen Turnbeutel markiert wird. Und vielleicht streiten sich der Stürmer und der Keeper bis aufs Blut, weil der eine schon gejubelt, während der andere den Ball am Pfosten gesehen hat. Welcher Pfosten? Egal. Der Ball rollt schon wieder. Und auf dem Heimweg vom Kick ist ja noch genug Zeit, alle Szenen der Partie noch einmal durchzugehen. „Der war eindeutig am Pfosten“, kann dann der eine sagen. Und der andere: „Nie und nimmer!“
Sie werden wieder spielen. Miteinander oder gegeneinander, je nachdem, in welches Team sie gewählt werden. Und sie werden sich wieder streiten. Der Streit gehört zum Spiel. „Hand!“, mag der eine rufen, woraufhin der andere auf seine Schulter zeigt. Sie werden weiterspielen, nachdem sie sich irgendwie arrangiert haben. Mal gibt der eine nach, mal der andere.
Und nur wer nie nachgibt, wer immer „Foul!“ schreit, auch wenn er gar nicht berührt worden ist, der wird dauerhaft Ärger bekommen. Vielleicht wollen die anderen beim nächsten Mal nicht mehr mit ihm kicken. Und gegen ihn schon gar nicht. Dann eben ohne ihn. Hauptsache, der Ball rollt. So einfach ist das.
Klare Rolle des Schiedsrichters
Gut möglich, dass der Fußball so erfolgreich geworden ist, weil es wirklich nicht schwer ist, das Spiel zu erfassen. Klar, im geregelten Spielbetrieb gibt es mehr Vorschriften als auf dem Bolzplatz. Die Größe des Tors ist festgelegt, die Abmessungen des Spielfelds unterliegen gewissen Grenzen. Es gibt einen markierten Strafraum und einen Elfmeterpunkt.
Streit soll es dort nicht geben, die Spielzeit ist ja begrenzt. Dafür gibt es einen Schiedsrichter. Und alle, die im Amateurbereich spielen, wissen, dass gilt, was er pfeift, auch wenn alle etwas anderes gesehen haben als der Referee. Meistens funktioniert das. Etwa 140.000 Mannschaften sind unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes organisiert, handfesten Ärger gibt es in den wenigsten Spielen dieser Teams. Und hinterher im Sportlerheim oder am Späti neben der Bezirkssportanlage kann man dann noch stundenlang lästern über die Pfeife an der Pfeife.
So hatten Fans auch in den oberen Ligen nach einer unglücklichen Niederlage, nach einem umstrittenen Elfmeterpfiff, nach einer offensichtlich falschen Abseitsentscheidung noch tage- oder gar wochenlang ein Thema für hitzige Diskussionen. Das war vor der Zeit der Videoschiedsrichterei, des Chips im Ball, der Torlinientechnologie oder der halbautomatischen Abseitserkennung. Ohne Hightech sind die großen Turniere und Meisterschaften nicht mehr denkbar. Da ist der Fußball kein einfaches Spiel mehr.
Unsensible Technik
Das Zusammenwirken der Kräfte auf dem Feld hat sich massiv verändert. Dem Schiedsrichter ist ein großer Teil der Verantwortung genommen worden. Die Spieler müssen nicht mehr zwangsläufig seinem Urteil folgen. Im Zweifel könnte sich ja der VAR einmischen. Nach dem wird bei jedem Elfmeterpfiff gerufen.
[1][Abseitsentscheidungen anhand der viel besungenen kalibrierten Linie gelten als objektiv]. Der Sinn der Regel gerät dabei völlig aus dem Blick. Die Abseitsregel wurde ja vor allem eingeführt, um zu verhindern, dass sich ein Angreifer einen Vorteil vor der verteidigenden Mannschaft verschafft. Ist das wirklich der Fall, wenn er mit einem Nanometer seiner Fußspitze näher am Tor ist als der vorletzte Verteidiger? Macht ein Pfiff in diesem Fall das Spiel gerechter?
Wenn ein Bewegungssensor im Spielball eine Ballberührung anzeigt, auch wenn die mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist und die demzufolge auch niemanden stören konnte, muss auf Abseits entschieden werden. Am Ende können sich die Fans nicht einmal so richtig darüber streiten, weil die Entscheidung ja mit technischen Hilfsmitteln objektiviert wurde.
Und wenn die Technik versagt, wird der Mensch auf dem Platz völlig hilflos. Da hat [2][der norwegische Torhüter Ørjan Nyland] mit seinem Abschlag im Viertelfinale gegen England offensichtlich ein Kamerakabel getroffen. Weil aber der Sensor im Ball nichts registriert hat, galt das danach erzielte Tor der Engländer. Dabei war doch der Ball senkrecht von oben auf den Platz gefallen.
Es sind solche Szenen, die einen wehmütig schwärmen lassen vom Fußball ohne jedes technische Hilfsmittel. Und die Hand Gottes? War das nicht irgendwie ungerecht damals 1986? Mag sein. Die Fußballwelt wäre aber um einiges ärmer ohne all die Diskussionen um diesen Handstreich von [3][Diego Maradona].
13 Jul 2026
LINKS
[1] /Die-ueblichen-Verdaechtigen-im-Halbfinale/!6195397
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[3] /Tod-von-Fussballikone-Maradona/!5731706
AUTOREN
Andreas Rüttenauer
Fußball-WM
Fifa
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Reden wir darüber
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